Evangelische Kirchengemeinde A.B. Schäßburg
Erfolg für Draculas Gegner in Sighişoara

Kampf um das historische Erbe der Siebenbürger Sachsen
Eine Bürgerinitiative hat in dem ursprünglich deutschsprachigen Städtchen Schäßburg (Sighişoara) in Transsylvanien die Errichtung eines monströsen Dracula-Erlebnisparks verhindert. Das Projekt hätte der mittelalterlichen Stadtanlage einen von manchen Bewohnern unerwünschten Massentourismus beschert. Die Besucher kommen ohnehin.
 

Dracula-Park – große Ankündigung für ein gescheitertes Projekt in Transsylvanien.

Wok. Sighişoara/Schäßburg, Ende Mai
An die Familie des Postmeisters Schneider erinnert auf dem Bergfriedhof in Schäßburg folgende Grabinschrift:
«Wenn das Leben fröhlich ist gewesen –
Mühe und Arbeit ist es gewesen.»
Im Rufe von Fleiß und Redlichkeit scheinen die Deutschen schon lange zu stehen. Über 800 Jahre ist es her, da die ungarische Krone im linksrheinischen und fränkischen Raum Kolonisten für die Terra ultrasilvana, das Land jenseits des Waldes, rekrutierte. Den Einwanderern, die ihre neue Heimat Siebenbürgen nannten, wurde eine Reihe von Freiheitsrechten gewährt. Die Deutschen entwickelten die Landwirtschaft, förderten den Handel und waren allzeit bereit, ihr Eigentum gegen die kriegerischen Reitervölker zu verteidigen, die periodisch aus den innerasiatischen Steppen über den Karpatenbogen nach Westen hin vorzudringen versuchten. Die stolzen Dörfer und Städtchen zwischen Kronstadt, dem heutigen Braşov, und Hermannstadt (Sibiu) tragen, oder besser trugen, Namen wie Rosenau, Honigberg oder Groß-Lasseln. Sie prägen auch heute noch das äußere Bild einer weltvergessenen Gegend wie aus Grimms Märchen oder den Kasperle-Büchern von Josephine Siebe. Eine Landschaft für Romantiker und Romanciers.

Ein Projekt, das allen dient?

Einer von ihnen, der Ire Bram Stoker, hatte vor über hundert Jahren, ohne jemals dort gewesen zu sein, Siebenbürgen zum Schauplatz seines weltbekannten Dracula-Romans erkoren. Seine Phantasien der blutsaugenden Wesen, von Friedrich Murnau im Filmklassiker Nosferatu zu globaler Verbreitung gebracht, haben seither dank zahllosen Imitaten zur paradoxen Situation geführt, dass alle Welt weiß, wo Vampire zu Hause sind – in Transsylvanien nämlich. Aber wo dieses Land liegt, das wissen viele nicht so genau. Das darf nicht sein, müssen sich die Verantwortlichen für Tourismusentwicklung in Rumänien gesagt haben, als sich das Land nach dem Sturz des Diktators Ceausescu öffnete und die Rumänen mit Staunen der globalen Bekanntheit von Dracula und seinen Hollywood-Klonen erstmals gewahr wurden. An westlichen Konsulenten, die auf die Sprünge halfen, herrschte kein Mangel. Wenn in der Schweiz dank Johanna Spyri ein «Heidiland» gleich mehrfach vermarktet werden kann, soll es nur recht und billig sein, Rumänien einen Dracula-Park zu bescheren. Fragt sich nur, wo im Lande er gebaut werden soll.
Nach einem Wetteifern einzelner Regionen um den idealen Standort gab der rumänische Tourismusminister Matei-Agathon im Sommer 2001 die Entscheidung bekannt. Sighişoara sollte es sein. Die Legende will es, dass in diesem Städtchen im Jahre 1431 der nachmalige walachische Fürst Vlad Tepes geboren wurde, die historische Vorgabe für Bram Stokers Dracula. Der Minister versprach Großes. Innerhalb von nur zwei Jahren sollte auf einem bewaldeten Plateau in Sichtweite der unter Unesco-Schutz stehenden mittelalterlichen Stadtburg auf einer Fläche von 130 Hektaren ein Vergnügungspark entstehen. An nichts sollte es in dem 50 Millionen Franken teuren Projekt fehlen: Dracula-Schloss mit Katakomben und Folterkammer, Achterbahn, Bierhalle, Spiegel-Labyrinth, Golfplatz, Cabaret, Souvenirläden, 700-Betten-Hotel und ein Institut zur Vampirforschung. Der Bürgermeister freute sich über die versprochenen 3000 neuen Arbeitsplätze, die dank dem Dracula-Park entstehen sollten. Und der zu erwartende Gewinn von jährlich 20 Millionen Franken war für dringend nötige Renovationsarbeiten in dem vor sich hin bröckelnden Ort vorgesehen. Ein Projekt also, das allen dient, müsste man meinen. Doch dem war nicht so.

Ökologische und moralische Bedenken

Unter den knapp 40_000_Einwohnern Sighişoaras regte sich bald Widerstand. Ökologische und moralische Bedenken wurden laut, und erste Kritiker sprachen von einem größenwahnsinnigen Vorhaben in übelster Ceausescu-Tradition, bei dem sich die Initiatoren bereichern wollten und am Ende zum Schaden der ganzen Bevölkerung eine Planungsruine die Gegend verunstalte. Dem Gruselpark hätte ein mehrhundertjähriger Eichenwald weichen müssen, machte der engagierte örtliche Umweltschützer und Zahnarzt Alexandru Gota geltend, unter dessen Führung sich die Gegner des Projekts zusammenfanden. «Wir waren nicht mehr als ein gutes Dutzend Einwohner», erinnert sich der einer alteingesessenen Schäßburger Familie entstammende Plastiker Wilhelm Fabini. In dem Grüppchen, das sich im Herbst 2001 unter dem Namen Nachhaltiges Schäßburg / Sighişoara Durabile formierte, engagierten sich auch die beiden deutschsprachigen lutherischen Pfarrherren am Ort. Es dürfe nicht sein, so wurde von Seiten der Kirche argumentiert, dass sich Schäßburg zum Mekka der Satanisten entwickle. «Ein Zentrum des Welt-Okkultismus sollte unsere schöne Stadt werden», empört sich der Arzt Petre Oprean noch heute.
Die historische Rechtfertigung der Standortwahl hält näherer Betrachtung nicht stand. Das angebliche Geburtshaus des Vlad Tepes, dies fanden die gut organisierten Gegner des Projekts schnell heraus, wurde erst rund 200 Jahre nach der Geburt des späteren Fürsten Draculea erbaut. Dass dessen Vater Vlad Dracul während vier Jahren in Schäßburg gewohnt habe, sei reiner Zufall, sagt Fabini. Vermutlich habe er in der Stadt politisches Asyl erhalten. Ganz bestimmt war aber bereits zu jener Zeit der Ort von sächsischen Bürgern bewohnt, die ihr Städtchen mit mächtigen Mauern befestigt hatten und es noch heute als Burg bezeichnen, obwohl es gar keine ist. Burgherren gab es in Schäßburg niemals. Blutsaugende Lokalfürsten kannten die Siebenbürger Sachsen nicht; zumindest nicht bis vor der Ära Ceausescu. Auch die optimistischen Berechnungen des Tourismusministers hielten näherer Betrachtung nicht stand.

«Whollyout of sympathywith the area»

Es blieb auch ein Rätsel, wie die prognostizierte Schar von über einer Million Besuchern pro Jahr den Weg nach Sighişoara finden sollte. Weder Bahn noch Straße verfügen über die nötige Kapazität, und der Bukarester Flughafen liegt in sechsstündiger Entfernung. Dem Staat mangelt das Geld für Infrastrukturausgaben. Ob die Hunderttausende von prognostizierten Besuchern aus dem Inland jemals angereist wären, ist ohnehin fraglich. Das Gruselerlebnis hätte eine Familie einen durchschnittlichen Wochenlohn gekostet. Noch vermag sich die große Mehrheit der Rumänen solchen Luxus schlicht nicht zu leisten. Der Tourismusminister allerdings ließ sich von seinem eingeschlagenen Weg nicht abringen. Einzelne Großfirmen hatten sich bereits Teile des Aktienpakets gesichert, und die Bodenpreise in Sighişoara waren beinahe über Nacht in die Höhe geschnellt. Was zum Teufel scherte ihn, den Minister, denn ein Grüppchen von Stänkerern aus der Provinz, die sein zum Wohl der Nation erdachtes Vorhaben bodigen wollten? Doch der Regierungsmann irrte sich.
Unterdessen hatten die gut organisierten Gegner dank hervorragender Informationsarbeit ihr Anliegen in aller Welt verbreitet. Einer, dem man nicht zweimal erklären musste, wo auf der Landkarte Sighişoara zu suchen ist, lebt in England und verfügt über Geld und Einfluss: His Royal Highness, Prince Charles. In seiner Eigenschaft als Schirmherr der Mihai-Eminescu-Stiftung, einer Körperschaft zur Rettung rumänischen Kulturguts, reiste der Prinz vor Jahresfrist nach Schäßburg und bezeichnete das Projekt öffentlich als «wholly out of sympathy with the area» (völlig unpassend für die Gegend) und sagte, die Realisierung des Vorhabens bedeutete für die Bevölkerung wie für ganz Europa einen schweren Verlust. Es ließen sich weitere namhafte Fürsprecher finden, die das Land kennen und sich bereits kräftig
dafür eingesetzt hatten, das gemeinhin geltende Image Rumäniens als Land verwahrloster Waisenhäuser und maroder Industriebetriebe zu korrigieren Gleichzeitig wurde aus den Reihen der nun international organisierten Gegner bei einer renommierten internationalen Buchprüfungsfirma eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Der im Herbst bekannt gewordene Befund war für die Projektinitiatoren niederschmetternd. Der Park soll nun stark redimensioniert außerhalb von Bukarest entstehen.

Unterwegs zum Disneyland

Charles' Visite habe die Wende eingeleitet, sagt Fabini rückblickend, sichtlich erleichtert über den gewonnenen Kampf. Seiner Meinung nach handelte es sich um die erste erfolgreiche Bürgeraktion seit dem Sturz Ceausescus. Ist es reiner Zufall, dass die deutschsprachigen Sachsen maßgeblich daran beteiligt waren? «Wir identifizieren uns stärker mit der Stadt als die rumänischen Zuwanderer », lautet die Antwort. Wir – das waren laut dem Bericht des evangelischen Stadtpfarramts Schäßburg vom 1. November 2002 exakt 513 Seelen, Tendenz sinkend. Die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung hat Siebenbürgen längst verlassen und lebt größtenteils in Deutschland. Wenn ihr historisches Erbe nicht zerfallen soll, müssen es andere pflegen. Fragt sich nur wie.
Die Opposition gegen den Dracula-Park habe dem Ort zu ungeahnter Publizität verholfen, sagt der örtliche Reiseunternehmer Aurelian Varvara. Einige betuchte Bukarester hätten sich in der Burg bereits Häuser gekauft, die sie renovieren und als Zweitwohnsitz nutzen wollten. Und bereits stehen innerhalb der Burgmauern drei Hotels der gehobenen Klasse zur Verfügung, eines davon sorgsam renoviert von einer Stiftung in Deutschland. Die davor parkierten Autos weisen auf westliche Kundschaft und ausländische Diplomaten hin. Das Städtchen laufe auch ohne Dracula-Park Gefahr, sich zum Disneyland zu entwickeln, befürchtet Varvara. Es fehle jegliches Entwicklungskonzept von Seiten der Behörden, und ein Heimatbewusstsein habe sich noch nicht entwickelt. Man kopiere westliche Vorbilder, ohne sich über den Wert der bestehenden Strukturen im Klaren zu sein. Zwar hat ein deutscher Experte ein Konzept zur Förderung zukunftsfähiger Tourismusprojekte für Schäßburg vorgelegt (www.sustainable.sighisoara). Doch vermutlich sind die Weichen schon anders gestellt, und der Ort wird in einem Jahrzehnt in penetranter Putzigkeit dem toskanischen Touristenmagnet San Gimignano in nichts nachstehen.
In der Unterstadt begegnen wir einer älteren Deutschen hinter ihrem ärmlichen Häuschen. Wie mit dem Lineal gezogen sind die Ränder ihrer sorgfältig angelegten Beete im Gemüsegarten. Sie lebt hier allein mit ihrem Hund, der Mann ist gestorben und die Tochter verheiratet im Ausland. Die nächste deutschsprachige Nachbarin, auch sie über siebzigjährig, wohnt in Sichtweite am andern Ende des Hofes. In den alten Häuschen dazwischen leben zugezogene Familien aus allen Landesteilen. «Ach wissen Sie», sagt die Frau, «die Rumänen übernehmen hier nun alles.» Und ihre hellblauen Augen verraten eine leise Trauer.


(von Martin Woker in der Neuen Zürcher Zeitung vom 16.6.2003) veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung des Autors 

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