Evangelische Kirchengemeinde A.B. Schäßburg
Eindrücke vom Reformationsjubiläum in Schäßburg

am Sonntag, den 5. November 2017 von Stadtpfarrer Dr. Hans Bruno Fröhlich

Der König Johann Zápolya war „von der Wucht der Reformation und ihrer geistigen Strahlkraft beeindruckt und gleichzeitig beunruhigt.“  Darum ließ er die Befürworter und die Gegner der Reformation zu einem Gespräch hier in dieser Kapelle zusammen kommen. Erbitterter Gegner und Wortführer dieser Gruppe war der Großwardeiner Bischof und Schatzkanzler Georg Martinuzzi. Als Redner der Befürworter des reformatorischen Gedankengutes wurde Stefan Szántai aus Kaschau herbeigerufen; das ist möglicherweise auch ein Hinweis darauf, dass es die großen Spezialisten hier im Land noch nicht gab, oder diese sich nicht trauten, Farbe zu bekennen. Sächsische Vertreter sind in der Delegation der Befürworter aber auch bezeugt, u. zw. aus Lechnitz, Bistritz und Kronstadt; allerdings sind diese beim Religionsgespräch einfache Zuhörer. Der König soll gesagt haben: „Gott sei Dank! Meine Feinde sind so sehr zusammengedroschen, dass ich von niemand mehr etwas zu befürchten habe. Aber nun lasse ich die beiden großen Böcke aufeinander los. Welcher gewinnen kann, wird sich zeigen.“

Sogar zwei – vom König bestellte – Schiedsrichter, Adrianus Wolfhard und Martin Kalmancehi (beide aus Weißenburg), sollten darüber wachen, dass alles mit rechten Dingen zuging. Doch so einfach war ihre Aufgabe nicht: „Stefan Szántai begann mit einer biblisch-reformatorischen Begründung seiner Anliegen. Doch schon während des Vortrags wurde er von katholischer Seite immer wieder lautstark unterbrochen. Ein sachliches Gespräch, stellte sich heraus, konnte unter den Umständen nicht stattfinden.“  Die Schiedsrichter baten schließlich, man möge sie von ihrem Auftrag befreien, denn Stefan Szántai, der evangelische Vertreter, war mit seinen Argumenten wohl überzeugender. Das offen zuzugeben, hätte die Schiedsrichter selber in Gefahr gebracht. Martinuzzi und seine Gefährten verlangten, Szántai auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. Diese Anforderung wies König zurück, empfahl Szántai aber das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Das tat dieser auch. 

Auch wenn man damals unverrichteter Dinge auseinanderging, kann dieses Gespräch eigentlich als Punktsieg für die Evangelischen gewertet werden, denn die begonnene Bewegung war nicht mehr aufzuhalten. Drei Jahre später (1542) wurde in Kronstadt die erste „evangelische Messe“ gefeiert. Nachher griff die Reformation auch auf die andern Orte Siebenbürgens über bzw. wurde systematisch durchgeführt. Heute pflanzen wir hier ein „Apfelbäumchen für ein klares Wort“, in Erinnerung daran, dass das »klare Wort« von 1538 seine Frucht gebracht hat.

Bischof Reinhart Guib ging in seiner Predigt (gehalten in deutscher Sprache; ungarische Übersetzungen konnten als Handout mitverfolgt werden) von der Losung und dem Lehrtext des diesjährigen Reformationstages, des 31. Oktobers aus: „Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach.“ (Psalm 34,15) & „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.“ (Römer 15,7). Dabei wies er auf das Zentrum unseres Glaubens und unserer Verkündigung, nämlich auf Christus, hin: „Da steht wie ein Fels in der Brandung Christus der uns im Leben, Sterben und Auferstehen vorangegangen ist und der uns einlädt aufzusehen zu ihm und ihm nachzufolgen.“ ER wurde von den Reformatoren neu entdeckt und ins Blickfeld gerückt. „Dieser Blick veränderte sie (die Menschen) und die Welt zum Guten.“ sagte Bischof Guib.

Bischof Kató Belá ging in seiner Ansprache (auf Ungarisch gehalten, wobei deutsche Übersetzungen vorlagen) auf die guten Verbindungen zwischen Reformierten und Lutheranern in Siebenbürgen ein, die auf die Anfänge der Reformation zurückzuführen sind. Damals begannen diese beiden Glaubensrichtungen in Zentral- und Westeuropa getrennte Wege zu gehen. Hier in Siebenbürgen – wo die religiöse Freiheit damals schon und später auch ein hohes Gut war – gab es sogar das Paradox, dass einer der reformierten Bischöfe, Alesius Dénes, lutherisch und einer unserer evangelischen Bischöfe, nämlich Matthias Schiffbaumer, kalvinistisch war. Reformierte Schüler besuchten sächsische Gymnasien und umgekehrt: lutherische Schüler gingen auf reformierte Schulen. „Ein anderer schöner Beweis unserer Zusammenarbeit ist, dass bis Mitte des 19. Jahrhunderts die reformierten Gemeinden von Szászváros (Broos), Tordos (Eisenmarkt), Vizakna (Salzburg) und Kóbor (Kiewern) zum sächsisch-lutherischen Bischof gehörten, während die evangelischen Gemeinden von Nagysajó (Groß-Schogen) und Teke (Tekendorf) zum siebenbürgisch-reformierten Superintendenten.“, so Bischof Kató.

Bischof Adorjáni Dezső-Zoltán predigte zweisprachig und gab seiner großen Freude Ausdruck: „Wir, die ungarischen protestantischen Geistlichen, reformiert und evangelisch, haben uns unten in der reformierten Kirche versammelt und sind gleich einem Pilgerzug mit Gebet und Gesang zur Kirche unserer sächsischen Geschwister in die Burg heraufgezogen. Hier dürfen wir die Gäste der sächsischen Lutheraner sein, gemeinsam Gottesdienst feiern, Gottes Wort hören und am Sakrament des Abendmahls teilnehmen. Das, liebe Schwestern und Brüder, ist gelebte Reformation!“

In der Tat waren die ungarischen Glaubensgeschwister mit ihren Bischöfen und Pfarrern in einem feierlichen Fackelzug von der reformierten Kirche neben der Kokelbrücke aus zur Klosterkirche in die »Burg« hinauf „gepilgert“, geistliche Lieder singend. Dort vor dem Kirchenportal wurden sie von der evangelischen Gemeinde zusammen mit Bischof Guib, Dechant Fröhlich und Pfr. i. R. Dr. Rolf Binder erwartet.

Vorher hatte es in der reformierten Kirche ein Konzert mit archaischer ungarischer geistlicher Musik gegeben. Während dieses Konzertes hatte sich die viel kleinere sächsische evangelische Gemeinde im Predigergarten versammelt. Das ist der Ort, wo die alte Kirche bzw. Kapelle stand, in der das für die Reformation Siebenbürgens so wichtige »Schäßburger Religionsgespräch« im Jahr 1538 stattgefunden hatte. In diesem Gespräch – vom König Zápolya János einberufen – setzte sich der Großwardeiner Bischof und Kanzler Georg Martinuzzi mit dem Verfechter der neuen Lehre Stefan Szántai auseinander. Zur Erinnerung an jene Disputation, in der ein „klares Wort“ gesprochen worden war, welches der Reformation hier in Siebenbürgen zum Durchbruch verholfen hatte, wurde das 11 Apfelbäumchen gepflanzt.

Diese denkwürdige Veranstaltung – die Pflanzung des Apfelbäumchens, der Empfang des Fackelzuges, der Gottesdienst mit den über 300 Abendmahlsteilnehmer (die meisten in den 20 Jahren seit ich in Schäßburg bin und wahrscheinlich die meisten auch noch für lange Zeit von jetzt an), aber auch das gemütliche Beisammensein mit der hohen Gästen im Anschluss an den Gottesdienst – all das sind bleibende Erinnerungen und einer der Höhepunkte meines pfarramtlichen Dienstes, wofür ich Gott und allen Beteiligten dankbar bin.


Es gilt das von der Kanzel gesprochen Wort!

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