Evangelische Kirchengemeinde A.B. Schäßburg
An der Seite der Verlierer

Christen in Schässburg stellen sich den gesellschaftlichen Herausforderungen

Zwei Betten pro Zimmer, zwei einfache Nachttische, zwei Kleiderschränke sind die wesentlichen Ausstattungsstücke. In der Gemeinschaftsküche gibt es zum Abendbrot einen Teller Suppe und eine Scheibe Brot. Wahrlich kein Leben im Luxus. Doch für die acht gebrechlichen Bewohner des »Pflegenestes« im sieben- bürgischen Schässburg oder Sighişoara, wie es rumänisch heißt, ist das teilweise schon viel mehr, als sie vor- her in den eigenen vier Wänden hat- ten. Ganz abgesehen davon, dass die Zimmer im Winter geheizt sind und es sowohl das Essen als auch warmes Wasser zum Baden oder Duschen täglich gibt.

Die Diakoniebeauftragte der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekennt- nisses Erika Duma (stehend) im Kreise der Seniorinnen.
Foto: Harlad Krille
Kein Grund zur Resignation
 
Schrumpfende Zahlen sind für den Bischof kein Grund, den Kopf hängen zu lassen. Er warnt davor, eine Minderheit von ihrer Zahl her zu beurteilen. Entscheidend sei vielmehr ihre Bedeutung. "Christen werden nicht gezählt, sondern gewogen", so der frühere Theologieprofessor, der seit 1990 an der Spitze der Evangelischen in Rumänien steht.
Sein Credo, mit dem er zurückgehenden Zahlen begegnet: "Es kommt auf die wenigen Engagierten an, die etwas bewegen wollen."
Offen spricht der Bischof über notwendige Veränderungen. Zum Beispiel, dass es in Gemeinden mit 15 Mitgliedern auf Dauer nicht mehr jeden Sonntag einen Gottesdienst geben wird. Oder dass auch einige Kirchen dem Verfall preisgegeben sind - vor allem Gotteshäuser, die etwas abseits liegen. Für über 150 Kirchenburgen sind die Evangelischen in Siebenbürgen zuständig. "Die großen historischen Denkmäler sollen mit Unterstützung von Sponsoren und Heimatortsgemeinschaften möglichst erhalten bleiben", erklärt Klein. Einige Gotteshäuser werden auch an christliche Kirchen wie die rumänisch-orthodoxe oder die griechisch-katholische abgegeben. Andere Sakralbauten sollen eine geistliche oder kulturelle Verwendung finden. Auf keinem Fall dürfe eine Kirche zum Wirtshaus werden. Manchmal würden aber Gotteshäuser auch unerwartet gerettet - wie in einem Ort, wo Architekturstudenten ins Pfarrhaus zogen und die dortige Kirche nun restaurieren.

In Bistriz hat die evangelische Gemeinde die zweitgrößte Kirche Siebenbürgens zu unterhalten. Die Gemeinde hat einen zweifachen Aderlass hinter sich: Ende des zweiten Weltkrieges wurde die deutsche Bevölkerung evakuiert. Als Ende der 70-er im Zuge der Familienzusammenführung die Ausreisemöglichkeiten gelockert wurden, verließen weitere Deutsche die nordsiebenbürgische Stadt. Unter den rund 300 Evangelischen, die heute noch dort leben, gibt es noch zwei deutsche Ehepaare. Alle anderen Deutschen sind mit einem rumänischen Partner verheiratet. Der Gottesdienst, zu dem sonntäglich zwischen 70 bis 80 Besucher kommen, findet in deutscher Sprache statt. Für die Gemeinde ist es ein gewaltiger finanzieller Kraftakt, die Kirche mit ihren 3.500 Sitzplätzen zu unterhalten. "Der Staat stiehlt sich bei der Restaurierung aus der Verantwortung", sagt Pfarrer Johann Dieter Krauss. Trotzdem sieht der Geistliche, der Evangelische in 30 Ortschaften und zehn Predigtstationen betreut, keinen Grund zur Resignation: "Der Glaube an Jesus Christus und seine Zusage ,Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende' gibt mir Hoffnung und Zuversicht."

Eine gewaltige finanzielle Herausforderung ist die Unterhaltung der über 150 Kirchenburgen in Rumänien. Zu den bekanntesten zählt die Anlage in Tartlau. Fotos: güs

Die hier wohnen, gehören zu den Verlierern der tief greifenden Veränderungsprozesse in der Karpatenrepublik. »Pro Person braucht man umgerechnet etwa 100 bis 150 Euro im Monat zum Überleben«, rechnet Erika Duma, die 47-jährige Diakoniebeauftragte der (deutschen) Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses (A. B.), vor. »Doch die staatlich garantierte Mindestrente von 300 000 Lei entspricht nur rund 10 Euro.« Bittere Armut ist deshalb das Los vieler rumänischer Rentner. Zum Hunger kommt im Winter die Kälte. Zwar gehört Rumänien zu den erdöl- und erdgasfördernden Ländern – doch der Preis ist für viele Menschen auf der Schattenseite des Lebens unerschwinglich. Und auch wenn es auf der anderen Seite einen deutlichen Wirtschaftsaufschwung gibt, wenn
»schon viel im Land passiert ist«, wie man es allenthalben bestätigt be- kommt: 60 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Wenn dann noch Pflegebedürftigkeit dazu kommt, wird die Situation erst recht unerträglich.
Schon 1994 entstand deshalb in der evangelischen Kirchengemeinde Schässburgs die Idee, in einer leer stehenden Wohnung eine Wohnge- meinschaft mit Pflegebetreuung für bedürftige Menschen einzurichten. Mit Unterstützung des Diakonischen Werkes in Bremen, das bis heute den größten Teil der Kosten trägt, wurden von den fünf angestellten Pflegerinnen bisher 40 Personen betreut. »Wie in einer Wohngemeinschaft wird neben den pflegerischen Arbeiten auch gemeinsam gekocht, gewaschen, ge- bügelt, eingekauft und der Wintervorrat an Obst und Gemüse eingekocht«, erzählt Erika Duma.
Das »Pflegenest« ist bei weitem nicht die einzige sozialdiakonische Aktivität der kleinen aber regen evan- gelischen Gemeinde unter Leitung von Stadtpfarrer Bruno Fröhlich. Zwar zählt die Gemeinde wegen der Aus- wanderungswelle deutschstämmiger Mitglieder heute mit 511 »Seelen« nur noch etwa ein Fünftel ihres Bestandes in den 80er-Jahren des soeben vergangenen Jahrhunderts. Doch stellen sich die protestantischen Christen mutig den sozialen wie geistlichen Herausforderungen einer Gesellschaft im Umbruch. Ob Angebote der ambulanten Pflege, »Essen auf Rädern« oder eine zentrale Waschküche für Menschen ohne Wasseranschluss geschweige denn Waschmaschine und Bügeleisen: Man will Zeichen der Hoffnung setzen, Mut machen und nicht zuletzt ein Zeugnis des Glau- bens an Jesus Christus ablegen. Zu- gleich ist die Schässburger Gemeinde ein Symbol des Aufbruchs der Evangelischen Kirche A. B. aus der Resigna- tion der 90er-Jahre des letzten Jahr- hunderts.
Doch die Menschen brauchen unsere Solidarität. Die Möglichkeit, mehr über Vergangenheit und Gegenwart der evangelischen Christen in Schässburg zu erfahren, besteht im September.
Eine Leserreise von »Glaube und Heimat« führt unter an- deren in das auch aus touristischer Sicht sehenswerte »Rothenburg Transsilvaniens«, wie die Stadt als eines der architektonischen Glanzlichter des Landes genannt wird. Da- bei sind natürlich Begegnungen mit den mutigen Christen des Ortes vorgesehen. Lassen Sie sich einladen, sich selbst ein Bild zu machen. 


( von Harlad Krille in Glaube und Heimat Heft 23 vom 6.6.2004 )
veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung des Verlags

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