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Hermann Baier, 82 Jahre (* 7. Mai 1930 ✝ 16. April 2013)

Trauerpredigt, gehalten in der Bergkirche am Sarg des Verstorbenen am Donnerstag, den 18.04.2013
 

         Liebe trauernde Familie, Anteil nehmende Gemeinde,
 
         auch wenn jedem unter uns bewusst ist, dass im Alter von bald 83 Jahren mit dem Tod zu rechnen ist, so kommt es einem doch so vor, als ob man jeden Moment aus einem bösen Traum erwachen und feststellen müsste, dass das alles nicht wahr sein kann. Leider ist dem aber nicht so; traurige Realität ist es, dass wir uns heute von Hermann Baier verabschieden müssen, dessen Herz - nach einer zunächst erfolgreich abgelaufenen Operation, in welcher ein Tumor entfernt wurde, zwei Tage später - am Dienstag, den 16. April d. J. seinen Dienst versagte.
         Vorgestern, am Dienstag, den 16. April 2013 stand im Herrnhuter Losungsbuch folgender Lehrtext aus dem 2. Timotheusbrief 2,22: „Jage der Gerechtigkeit nach, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen.” Diesen Bibelvers als Deutefolie heranziehend, wollen wir nun Rückschau halten auf ein Leben, welches in jeder Hinsicht ein besonderes Leben und zugleich ein erfülltes Leben war. Zugleich wollen wir aber auch Ausschau halten und unserer Christenhoffnung Raum geben. Wir wollen uns davon trösten lassen, dass wir über Leben und Tod hinweg in und bei Gott geborgen sind und auch unseren heimgegangenen Freund und Bruder nun bei Gott geborgen wissen können.
         Auch wenn der Abschied schwer fällt, so wollen wir ihn so gestalten, wie sich ihn Hermann Baier wahrscheinlich gewünscht oder vorgestellt hat: mit sehr vielen Menschen um sich, mit guter Musik, immer positiv denkend und den Humor nicht verlierend. Und wir sollten vielleicht auch dies im Blick haben und uns damit trösten, dass Gott ihm bis zuletzt gnädig war: Unannehmlichkeiten und vor allem eben Schmerzen - die das weitere Leben infolge einer Krebsoperation mit sich gebracht hätte - sind ihm erspart geblieben.
 
         Wir erwähnen seine wichtigsten Lebensstationen und versuchen das fest zu halten, was er für Euch als Familie war; was er aber darüber hinaus für die schulische, politische, kulturelle, nachbarschaftliche und nicht zuletzt auch kirchliche Gemeinschaft bedeutet hat, deren exponierter und kompetenter Vertreter er gewesen ist.
 
          Hermann-Andreas Baier wurde am 7. Mai 1930 in Dunesdorf geboren. Sein Vater Johann Baier und seine aus Pruden stammende Mutter Anna geb. Zakel waren Landwirte mit einer für damalige Verhältnisse mittelgroßen Bauernwirtschaft. Er war das dritte von insgesamt fünf Geschwistern. Sein ältester Bruder starb bereits als Kleinkind und der zweite Bruder musste sein Leben in englischer Kriegsgefangenschaft lassen. Die beiden Schwestern wanderten 1990 nach Deutschland aus; die jüngste Schwester lebt nach wie vor dort und kann heute leider nicht hier sein. Nach einer relativ unbeschwerten Kindheit in der Heimatgemeinde Dunesdorf kam Hermann Baier – da er ein ausgezeichneter Schüler war – im Jahr 1940 auf das «Bischof-Teutsch-Gymnasium» nach Schäßburg; die «Bergschule», mit der er zeitlebens eng verbunden war. Der Zweite Weltkrieg warf seine Schatten auch über sein Leben. Das Schuljahr 1944/45 musste unterbrochen werden und er vorübergehend bei der Eisenbahngesellschaft arbeiten. Die Familie wurde enteignet. Nachdem im Herbst 1945 die Schule wieder beginnen konnte, übernahm sein Vater die Stelle bei der Eisenbahn. Als ob die damaligen Umstände nicht schon schlimm genug gewesen wären, ließ ein einschneidendes Erlebnis Hermann Baier früh erwachsen werden: Sein Vaters wurde am Heiligen Abend des Jahres 1947 von einem Zug erfasst und starb. Seine Mutter fand eine Anstellung bei der LPG. Sie lebte bis 1974.
          Hermann Baier schlug die Lehrerlaufbahn ein und wenn er in seinem Leben noch viele andere Dinge getan, entschieden und geliebt hat, so schlug doch beim Unterrichten sein Herz. In seinem selbst verfassten Lebenslauf schreibt er: „Gelernt habe ich nur den Lehrerberuf, das Unterrichten. Ich glaube, ich kann andern das, was ich selbst verstanden habe, gut erklären und beibringen. In allen andern Berufen und Funktionen (Direktor, Schulinspektor, Dirigent) war ich mehr oder weniger Laie. Ich hatte aber immer Glück, dass mir das Richtige eingefallen ist.” 1949 – 1950 war er Lehrer an der Übungsschule des Pädagogischen Seminars. 1950 entschloss er sich zum Studium. Damals studierte man aber nicht, was man wollte (er wäre als Humanist mit Schwerpunkt Latein gerne auf Sprachen weiter gegangen), sondern das, wofür man bestimmt oder gebraucht wurde. In seiner unverkennbaren Art hält er fest: „Ich bin dem damaligen Schulinspektor ewig dankbar, dass er mich zum Mathestudium gezwungen hat.” Nach dem Mathematikstudium in Temeswar kam er zurück nach Schäßburg auf die Pädagogische Schule. 1955 wurde er Direktor der Allgemeinschule Nr. 3 und bereits ab Herbst 1956 wurde er zum Rayonschulinspektor berufen; ein Amt, welches er drei Jahre lang bekleidete. Aus dieser Zeit ist Folgendes aus seinen Erinnerungen festzuhalten: „Mein Chef hatte in mich mehr Vertrauen als in die rumänischen Kollegen und hat mir freie Hand gelassen … Es war mir möglich, unsere Schulen mit Lehrmitteln besser auszustatten, auch konnte ich einige erhalten, die die nötige Kinderzahl nicht hatten (Felsendorf, Pruden).”
 
          In diese Zeit der 50-er Jahre fällt auch die Familiengründung. Bewusst erwähne ich es anschließend an den beruflichen Einstieg: Für ihn kam immer zuerst die Dienstpflicht. Im Jahr 1953 heiratete er Wiltrud geb. Wagner standesamtlich und 1954 dann kirchlich. Sie war ausgebildete Lehrerin, ist aber nach wenigen Jahren im Banat und in Groß-Alisch nach Schäßburg als Kindergärtnerin gekommen, hat in dieser Aufgabe bis zum Ruhestand und danach weiter mit den «Burgspatzen» Erfüllung gefunden und ist vielen Generationen als „Wulletante” bekannt. Das Ehepaar Baier hat drei Töchter Annemarie, Hannelore und Lieselotte.
          Ende der 50-er Jahre durchlebte die junge Familie eine besonders schwere Zeit, da die Kinder klein und beide Eltern berufstätig waren. Hermann Baier ließ sich 1959 vom Inspektorenamt entbinden und kam als Lehrer zurück in die Schule. Doch bereits im Jahr 1963 wurde er zum Leiter der Unterrichtsabteilung des Rayonvolksrates ernannt. Diese Funktion war zu jener Zeit natürlich von politischer Brisanz und damit an den Eintritt in die kommunistische Partei gebunden. Hermann Baier wurde Mitglied im Exekutivkomitee des Rayonvolksrates, mit folgender Begründung: „Als solches konnte ich Einfluss nehmen auf die Gemeindevolksräte und vieles für die Schulen tun.” Die Umstrukturierung des Schulwesens (auf das 8-Klassen-System) im Jahr 1964 erforderte große Anstrengungen und brachte erhebliche psychische Belastungen für ihn, so dass er einen Nervenzusammenbruch erlitt und in die Klinik von Timişul des Jos (bei Kronstadt) interniert werden musste. Später entdeckten die Ärzte sogar ein Zwölffingerdarmgeschwür, mit welchem er Jahre lang zu kämpfen hatte. Nach dem Aufenthalt im Krankenhaus kam er auf eigenen Wunsch wieder zur alten Liebe – zum Unterrichten – zurück. Im Jahr 1974 wurde er Direktor der Allgemeinschule Nr. 3 und im Jahr 1978 Direktor der Bergschule. Mit einer kurzen Unterbrechung hatte er dies Amt bis 1997 inne, obwohl er bereits 1990 in den Ruhestand eingetreten war. Unterrichtet hat Hermann Baier noch bis ins Schuljahr 2003/2004.
 
          Zu seiner politischen Aktivität ist noch dies zu sagen: Seit 1974 war Hermann Baier Vorsitzender des Kreisrates der Werktätigen deutscher Nationalität und als solcher Mitglied in verschiedenen Ausschüssen, wo die nationale Zusammensetzung es verlangte. Über diese Aufgabe schreibt er in seinem Lebenslauf: „Wir konnten manches für die Sachsen erreichen, da ich leicht zu dem Ersten Sekretär gelangen konnte, und dieser mir besonders gut gesinnt war … Das hat sich besonders auf die Kulturarbeit positiv ausgewirkt. Man sah es gerne und hat uns auch unterstützt, dass sich im Rahmen des Kulturhauses mehrere sächsische Formationen betätigten, die auf den umliegenden Dörfern häufig auftraten und auch bei den Wettbewerben (Cântarea României) immer gute Preise erhielten (Kammerchor, Blasmusik, Kleine Instrumentalformationen, Theater, Tänze usw.)” Er hat selber Waldhorn im symphonischen Orchester der Stadt gespielt (1949 – 1965) und 20 Jahre lang (1982 – 2002) den Kammerchor geleitet.
          Ebenfalls ab 1982 war er 18 Jahre lang Nachbarvater. An diese Zeit erinnerte er sich besonders gerne: „Wir haben uns sehr um das Nachbarschaftsleben, besonders das gesellige, gekümmert und wunderbare Unterhaltungs- aber auch Verrechnungsrichttage abgehalten, über die anschließend noch wochenlang geredet wurde.”
          Die Wende des Jahres 1990 – Hermann Baier war immerhin schon 60 Jahre alt, aber unermüdlich – brachte ihm neue Betätigungsfelder. Auswanderung kam für ihn und seine Familie nicht in Frage. Er ließ sich in das Amt des Bezirkskirchenkurators des Schäßburger Kirchenbezirkes wählen und in demselben Jahr 1990 wurde er ins Landeskonsistorium der Evangelischen Kirche A. B. gewählt, wo er stellvertretender Landeskirchenkurator und Vorsitzender des Rechts- und Finanzausschusses war. Drei Mandate bzw. zwölf Jahre lang (bis 2002) hat er diese Ämter ausgeübt. Ein Mandat lang (1999 – 2003) war er auch Presbyter der Schäßburger Kirchengemeinde.
          Er hat sich auch weiterhin ins gesellschaftliche Leben der Stadt eingebracht, so dass man schwer einen Bereich findet, in welchem er nicht aktiv war. Zu nennen ist sein Engagement in den Städtepartnerschaften zwischen Schäßburg und Städten des deutschsprachigen Raumes: Neu-Isenburg/Hessen; Baden/Schweiz oder Dinkelsbühl/Franken; er war der erste Vorsitzende des Freundeskreises Dinkelsbühl-Schäßburg. Ebenso muss an dieser Stelle seine Mitgliedschaft (mit oder ohne Leitungsämter) im Demokratischen Forum der Deutschen, im Rotary-Club, im Verein Restauro-Messerschmitt oder in der Hermann-Niermann-Stiftung erwähnt werden (ich bitte um Nachsicht, sollte ich etwas ausgelassen haben). Und nicht zuletzt erinnere ich an seine Stadtführungen, die man immer in Anspruch nehmen konnte, wenn man in- oder ausländische Gäste kompetent und humorvoll durch die Stadt geführt haben wollte.
 
          Die Stadt Schäßburg, mit der er seit seiner Kindheit verbunden war, hat ihn geprägt. Aber das Gleiche gilt auch umgekehrt: Hermann Baier hat wie kaum ein anderer die Stadt Schäßburg in den letzten füf Jahrzehnten geprägt. Darum ist er zu Recht im Jahr 1997 zum Ehrenbürger ernannt worden.
          Schließlich findet die Familie. doch noch Erwähnung. Hermann Baier war ein liebender Vater, hatte aber wegen seiner vielen Ämter und Dienste wenig Zeit für seine eigenen Kinder. Das hat er an seinen fünf Enkelkindern wiedergutzumachen versucht: an Jutta, Herbert und Holger (die Kinder von Annemarie) sowie an Yvonne und Nadine (die Kinder von Lieselotte). Wenn er seine Enkelkinder einige Tage nicht zu Gesicht bekam, hatte er Sehnsucht nach ihnen. Aus dem viel beschäftigten und strengen Lehrer war ein nachsichtiger Großvater geworden, der Frau und Töchter mitunter erstaunte, wenn er den Enkeln Dinge versprach, die schwer oder gar nicht einzuhalten waren (ein pädagogisch hinterfragbares Unternehmen). Er tat es, wie so vieles andere: mit ernstem Gesicht und einem Augenzwinkern.
          Ganz am Ende erlaube ich mir auch persönlich zu werden: Die Tatsache, dass ich selber vor 16 Jahren nach Schäßburg als Pfarrer entsandt wurde, hat er als Mitglied des Landeskonsistoriums und als damaliger Vertreter von Schäßburg in der Kirchenleitung mitverantwortet. Ebenso, dass meine Frau ohne Komplikationen von Kronstadt nach Schäßburg als Lehrerin wechseln konnte.
          Nun rufen wir uns nochmals den eingangs vorgelesenen Bibeltext in Erinnerung: „Jage der Gerechtigkeit nach, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden” Das hat Hermann Baier getan. Darum wollen wir nun „mit allen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen” den allmächtigen Gott bitten, er möge seiner Seele gnädig sein und ihn im Frieden aufnehmen.
 
          Amen.