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Evangelische Diakonie

10 Jahre Altenpflege 2004


Mit einem Gottesdienst in der Klosterkirche begann das Jubliäum

Festpredigt 10 Jahre Altenpflege der Evangelischen Diakonie

13. Sonntag nach Trinitatis – 5. September 2004: Predigt zu 1. Johannes 4,7 - 12

7. Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
8. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.
9. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.
10. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
11. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.
12. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

Liebe Gemeinde!
1) Am 5. September 1994 - heute vor genau 10 Jahren - wurde die erste Bewohnerin im Pflegenest aufgenommen. Heute, 10 Jahre danach, blicken wir dankbar darauf zurück, dass dieses kleine (aber feine) Altenheim damals, mit viel Engagement, aber auch mit genau so viel Fachwissen zustande kam und mit der Zeit sogar weiter ausgebaut werden konnte. Sicherlich ist das, was vor 10 Jahren begann, was sich im Laufe der Zeit entwickelte und was wir heute vor unseren Augen haben, das Ergebnis menschlicher Anstrengungen und materieller Zuwendung. Aber außer dieser sichtbaren Komponente gibt es noch eine andere, eine unsichtbare, die aber genau so real existiert, wie die erste (die materielle). Man kann sie auch als die theologische Komponente bezeichnen. Es ist die - von diakonischem Engagement getragene Motivation - welche Menschen dazu brachte, sich hier aktiv zu beteiligen. Hier hat gelebter christlicher Glaube seinen materiellen Niederschlag gefunden. Dieser - nennen wir ihn mal „ideellen Grund“ unseres Pflegenestes - kann auch so umschrieben werden, wie es unser heutiges Predigtwort getan hat. Ich sehe daher einen direkten Zusammenhang zwischen diesem Bibeltext und unserem heutigen Jubiläum. Und diesen Zusammenhang möchte ich des weiteren zu erläutern versuchen.

2) Nicht zu überhören ist, dass unser Bibelwort von der „Liebe“ spricht. Insgesamt 15 mal kommt der Begriff „Liebe“ in diesem doch relativ kurzen Text vor. Was sich zunächst wie eine philosophische Abhandlung anhört, erweist sich - wenn man diese Worte in einen konkreten Lebensbezug zu bringen versucht - als ein Wegweiser für eine ganz praktische Lebenshaltung; eine Lebenshaltung wie sie Gott gewollt hat. 
Die Grundidee unseres Bibelwortes ist eigentlich eine denkbar einfache: Gott ist die Liebe und die Menschen ihrerseits sind gerufen, die Liebe (die sie selbst empfangen haben) weiter zu geben. Sichtbares Zeichen dafür, dass man Gott kennt ist, dass man seinen Mitmenschen liebt. Unsere deutsche Sprache kennt ein EINZIGES Wort für diesen so gewaltigen, umfassenden und facettenreichen Begriff  „Liebe”. Die Ursprache des NT (das Altgriechische) kennt drei Umschreibungen dafür: 
1.) έρος 
2.) φίλια und 
3.) αγάπη. 
Uns geht es um die letztgenannte; man kann sie auch Nächstenliebe nennen. Gemeint ist jene Liebe, die sich selbst vergisst und ausschließlich für andere da ist. αγάπη ist die Art von Liebe, wie wir sie aus vielen Beispielen kennen gelernt haben: in ganz bekannten Geschichten wie z. B. jene vom barmherzigen Samariter (es war unsere heutige Evangelienlesung), oder aber (um ein konkretes Beispiel unserer Zeit zu nennen): Mutter Theresa. αγάπη (die Nächstenliebe) ist aber nicht das Ding einiger weniger Prominenter; jeder Mensch, welcher in dem ANDERN den Nächsten sieht und sich dementsprechend auch verhält, leistet das, was unser Bibelwort αγάπη nennt. Die Nächstenliebe kommt absichtslos daher, hilft aber mit Absicht. Sie ist grundlos in ihrem Handeln, gibt aber Grund unter die Füße. Sie sieht das Zerbrochene und findet das Heilende. Sie kann in erkaltete Beziehungen neues Leben bringen. Sie durchdringt alle anderen Arten der Liebe; sie ist gewissermaßen die Vollkommenste. Unser Bibelwort verwendet große Worte dafür: wenn diese Art von Liebe, die sich αγάπη nennt unter uns existiert, dann sind wir von Gott geboren und kennen Gott.

3) Oft aber gibt es die gegenteilige Erfahrung; die nämlich, dass nichts von dieser Liebe zu spüren ist. Wer von uns kann behaupten, diese Erfahrung nicht auch gemacht zu haben? In unserer alttestamentlichen Lesung  (in der Geschichte von „Kain und Abel”) finden wir genau dieses Phänomen beschrieben, welches das Gegenstück zur Nächstenliebe, zur praktizierten αγάπη darstellt. Ohne wirklichen Grund – es ist nur der Neid – wird gemordet. Das ist nicht zu verstehen oder rational zu erklären. Nur wissen muss man: es gibt diese Schattenseite menschlichen Handelns und das wird uns immer wieder schmerzhaft ins Bewusstsein gerufen. Sicherlich kann und darf die Frage gestellt werden, warum wir in unserem näheren und weiteren Umfeld oft wenig von dieser Nächstenliebe vorfinden? Wie oft werden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass von dem, was theoretisch so schön klingt, praktisch so wenig umgesetzt wird? Angefangen von kleinen Nachbarsstreitigkeiten und unfreundlichen Worten die man sich gedankenlos an den Kopf wirft, bis hin zu militärischen Konflikten mit verheerenden Folgen: im Irak, im Sudan oder im Kaukasus (usw.). Es gibt viele Menschen, die gerade an diesem Punkt Gott nicht (oder: nicht mehr!) verstehen.
Es gibt Menschen die ihre Mühe damit haben, die vielen negativen Erfahrungen, welche das Leben bringt, mit dem positiven und optimistischen Grundton des christlichen Glaubens in Einklang zu bringen. Ein einziger kurzer Satz dazu finden wir in unserem Bibelwort: 
„(12) Niemand hat Gott jemals gesehen.“ 
Wir finden nicht letztgültige Erklärungen für Gottes Handeln; für sein Eingreifen (oder: nicht eingreifen). Mit Gott lässt sich nicht rechnen (um ein Beispiel aus der Mathematik anzuführen) da sind viel zu viele Unbekannte.
Das – aus menschlicher Sicht – unverständlichste an Gott ist dann aber wohl, dass er seinen Sohn opfert, bzw. zulässt, dass DIESER dahingeschlachtet wird. Wenn wir jedoch fragen warum dies Opfer nötig war, dann kommen wir dort an, von wo wir ausgingen: bei der „Liebe”. Der Apostel Johannes schreibt: 
„(9) Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.”
„(10) Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.” 
Wir können keine Antwort darauf geben, ob Gott auch einen andern Weg hätte gehen können. Aber wir wissen, ja wir dürfen – anhand dessen, was wir aus unserem Bibelwort heraus lesen – dessen gewiss sein, dass Gott uns liebt; so wie wir sind: vor allem auch unsere Schattenseiten, auch das was wir keineswegs als liebenswürdig empfinden.

4) Den Zustand unserer verfallenen Welt zu beklagen bringt uns nicht weiter. Wir sind dazu gerufen - weil Gott uns liebt - unseren Nächsten zu lieben. Die Herausforderung, welche in dieser Aufforderung steckt, liegt auf der Hand: es ist keineswegs leicht, menschliche Unzulänglichkeiten in Liebe zu ertragen. Es ist nicht einfach mit Kranken, Behinderten, Hilfsbedürftigen umzugehen. Wer im diakonischen Bereich aktiv ist, der/die weiß es am allerbesten. Unser Bibelwort stellt aber heraus, dass gerade in dieser Zuwendung zum Nächsten hin, nicht mehr und nicht weniger als die Nähe Gottes erfahren wird.
„(7) denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.”
Damit sind wir dort angekommen, von wo wir ausgegangen sind. Den Glauben an Gott gilt es konkret werden zu lassen. Die erfahrene Liebe Gottes, gilt es weiter zu geben. Das kann sicherlich auf vielerlei Art und Weise geschehen. Die Zeit nach der Wende 1989 brachte große Veränderungen mit sich, Veränderungen die uns in die Lage versetzten, neue Formen der angewandten Nächstenliebe finden zu müssen. Wir sind dankbar, dass vor gut 10 Jahren Menschen – welche die Aufforderung zur Nächstenliebe ganz ernst und wörtlich genommen haben – sich in mannigfacher Weise eingebracht haben; dass sie ihre Zeit, ihr Wissen und auch materielle Zuwendungen erbracht und eingebracht haben, damit ein sichtbares Zeichen der Nächstenliebe gesetzt werden konnte. Zwar hat diakonisches Engagement unsere evangelisch – sächsische Gemeinschaft immer schon charakterisiert und wirkte, bzw. wirkt vorbildhaft für das Umfeld. Was aber hier geschah, geht darüber hinaus: Menschen ganz verschiedener Prägung, aus verschiedenen Ländern haben in Zusammenarbeit ein Werk christlicher Nächstenliebe geschaffen. Die Frage „Wer nun unser Nächster ist?; Wem die Nächstenliebe nun gelten soll?”, hat eine Antwort gefunden, die unserer Zeit der Globalisierung und des Zusammenwachsens von Ländern (und gar Kontinenten) entspricht. 

5) Wir sind dankbar für diese 10 Jahre praktizierter Nächstenliebe. Die Hoffnung ist, dass diese Nächstenliebe auch weiterhin existieren wird. Denn: „Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.”
Amen.

Hans Bruno Fröhlich, Stadtpfarrer