Evangelische Kirchengemeinde A.B. Schäßburg
Gottesdienst am Sonntag, 29. März 2020, Judika

Wochenspruch:
Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.
(Matthäus 20,28)

Choral: „An deine Leiden denken wir“ 
(Siebenbürgisches Gesangbuch Nr. 48)
Dazu kann auf Youtube die Choralfuge „An deine Leiden denken wir“ des Zeidner Organisten Klaus Dieter Untch gehört werden: 
https://www.youtube.com/watch?v=ToJ2F7X0VIs

Kollektengebet für Sonntag Judika
Allmächtiger Gott und Vater, Du hast deinen Sohn leiden und sterben lassen, um uns zu erretten. Hilf uns, dass wir sein Opfer bedenken und allezeit in Deiner Liebe bleiben. Durch unsern Herrn Jesus Christus, deinen Sohn, der mit Dir und dem Heiligen Geiste lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Sonntagsevangelium: Markus 10,35-45
35. Da gingen zu Jesus Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden.
36. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?
37. Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.
38. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
39. Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;
40. zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.
41. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.
42. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
43. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
44. und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.
45. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Predigt zu Hebräer 13,12 – 14
12. Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. 14. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Liebe Gemeinde!
1. „Draußen vor der Tür“ ist eine bekannte Erzählung von Wolfgang Borchert, geschrieben im Jahr 1947. Nach drei Jahren sibirischer Gefangenschaft kehrt die Hauptperson, Beckmann, zurück. Aber wiewohl er nach Hause kommt, so ist und bleibt er doch „vor der Tür“, so wie es der Titel der Erzählung suggeriert. Seine Frau hat inzwischen einen anderen Mann gefunden, seine Eltern haben Selbstmord begangen. Der Oberst – in dessen direktem Auftrag er einen Spähtrupp befehligt hatte, und dem er nach militärischen Gepflogenheiten Bericht erstatten und die Verantwortung zurückgeben möchte – lacht ihn nur noch aus. In seiner Verzweiflung wirft sich in die Elbe, aber das Wasser spült ihn ans Ufer. In der Sicht des Autors kann nicht einmal Gott ihm mehr weiterhelfen und „an den glaubt keiner mehr“. Wolfgang Borchert beschreibt, auch wenn das hart klingt, eine Situation bzw. eine Stimmung, die sich auf dem Trümmerfeld welches jeder Krieg hinterlässt, durchaus so zugetragen haben kann. Beeindruckend und bedrückend zugleich, sind die Worte, welche die Hauptperson – Beckmann – sagt: „Ich stehe draußen, wieder draußen. Gestern Abend stand ich draußen. Heute stehe ich draußen. Immer stehe ich draußen.“ Es sind Empfindungen eines Menschen, der sich von allem und von überall ausgeschlossen fühlt. 
Jesus war zu seinen Lebzeiten eigentlich nicht draußen bzw. nicht ausgeschlossen, im Gegenteil: er war mitten unter den Menschen, er war alle Tage im Tempel. Er lehrte, er heilte, er half. Dann aber, in den entscheidenden und zugleich auch schwersten Momenten war er draußen, besser: er wurde hinausgedrängt. Die Menschen damals warteten auf EINEN, der sichtbar die Verhältnisse verändern sollte, der Frieden und Wohlstand für alle bringen sollte, vor allem aber, der die Fremdherrschaft der Römer beenden sollte. Einen der politisch und wenn nötig auch mit militärischer Gewalt etwas verändern solle. Einer der selbst Leid ertragen musste, der mit den Armen und Sündern, den Prostituierte und Zöllnern Gemeinschaft hatte, für den hatten sie KEIN Verständnis. So endete sein Leben, außerhalb der Stadt, ausgestoßen von der Gemeinschaft; am Kreuz, dem Zeichen der Schmach und der tiefsten Verachtung. Sein Leben endete „draußen vor dem Tor“. So wurden zu der Zeit nur Schwerstverbrecher hingerichtet. Bis heute ist das Kreuz vielen Menschen ein Anstoß oder zumindest eine unbegreifliche Sache. Ausgeschlossen aus dem Leben, aus dem pulsierenden Geschehen der Zeit, Einsamkeit, Verlassenheit und Verachtung beinhalten genau das, was Wolfgang Borchert mit „draußen vor dem Tor“ umschreibt. 
Um das, was die oben angeführten Verse aussagen zu begreifen, muss man den Kontext, in dem sie geschrieben sind, näher beleuchten. Die Zeit der Abfassung des Hebräerbriefes ist um die erste nachchristliche Jahrhundertwende anzusetzen. Die christliche Kirche setzte sich zu jener Zeit mit der jüdischen Tempel- und Opfertheologie auseinander. Der unbekannte Schreiber ist ein genauer Kenner des jüdischen Glaubens und vor allem des Tempel- bzw. Opferkultes. Den Opferkult sieht er in und durch Jesus Christus als endgültig überwunden bzw. als erfüllt an. Im Hebräerbrief wird Jesus als der Hohepriester bezeichnet, der sich selbst ein für allemal als Opfer dargebracht hat. Von diesem Standpunkt her argumentiert der Schreiber des Hebräerbriefes: dieser Tod war nicht sinnlos oder vergeblich. Konkret wird in diesem Bibeltext auf das Opferritual am Versöhnungstag der Juden, dem „Jom Kippur“ Bezug genommen. Das Blut der Tiere wurde als Sühneopfer ins Allerheiligste des Tempels gebracht, während die Körper dieser Tiere draußen vor dem Tor verbrannt wurden. Der Schreiber des Hebräerbriefes konnte bei seinen Lesern die jüdischen gottesdienstlichen Bräuche einigermaßen als bekannt voraussetzen, wenn er schreibt: „Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.“ 
2. Inwiefern betrifft uns das aber? Seit Tagen sind wir aufgefordert, das Gegenteil dessen zu tun, worüber bis jetzt die Rede war: es wird uns dringend geraten, ja mehr noch, es ist per Gesetz angemahnt worden, drinnen zu bleiben. Nur zu ganz wichtigen, unaufschiebbaren Anlässen sollen wir uns vor die Tür bzw. vor das Tor wagen und nachher gleich wieder uns in die Wohnung zurückziehen. Doch wenn wir die Gesamtsituation einer Analyse unterziehen, dann merken wir, wie paradox das Ganze ist. Bei diesem schönen Wetter (zumindest ist es jetzt, während ich diese Gedanken niederschreibe, so) möchte man doch hinaus in die Natur gehen und sich daran erfreuen. Aber – und dies ist der paradoxe Aspekt der aktuellen Lage – indem wir alle drinnen bleiben, sind wir genau so, als ob wir draußen vor dem Tor wären, nämlich allein, isoliert, bestraft. Wir sind voneinander getrennt, wir können unsere Arbeit nur mit Einschränkungen verrichten und viele haben Angst, was die nähere Zukunft nun mit sich bringen wird. 
Anhand der Anregungen aus dem Hebräerbrief können wir etwas Wichtiges lernen. Wenn man sich zusammenschließt, dann kann der Ort der Strafe und Pein zu einem gesegneten Ort werden, ob das nun draußen vor dem Tor oder drinnen in der Kammer sei. Warum sollte die Aufforderung, mit Christus vor dem Tor zu leiden, nicht umkehrbar sein? Wenn wir alle daheim sind und das was jetzt der Menschheit widerfährt als von Gott gewollt ansehen – manche mögen es als Strafe bezeichnen, andere als ein Aufatmen der Natur – dann sind wir doch so, als ob wir im Sinne des Hebräerbriefes draußen wären. In solchen Momenten wie diesen, ist es sinnvoll „in sich zu gehen“, zu beten und zu meditieren und – warum nicht – auch praktische Aufgaben im Hause zu erledigen, die schon lange getan werden mussten. Die „Schmach Christi tragen“ heißt in einer säkular gewordenen Welt, mich zu ihm bekennen: das kann heute genauso gut zwischen der vier Wänden geschehen.
Wichtig ist die Verheißung: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige suchen wir.“ Dabei ist der Begriff „zukünftig“ hier nicht nur so zu verstehen, als ob wir uns auf etwas vertrösten müssten, worauf noch lange zu warten wäre. „Zu-kunft“ ist hier als das zu verstehen, was auf uns zu- oder uns entgegenkommt. Darum dürfen wir Hoffnung schöpfen, die sich schon hier in diesem Leben auswirkt. Sicherlich darf diese Hoffnung uns zugleich auf die ewige Herrlichkeit Gottes ausrichten. Gerade in diesen Tagen ist mir aufgefallen, wie sehr Wolfgang Borchert widersprochen werden muss, wenn er über Gott meint: „an den glaubt keiner mehr“. Ich habe selten so viele Nachrichten mit Gebeten oder anderen besinnlichen Texten bekommen. Daher bin ich guter Dinge: durch Jesu Erlösungstat „vor dem Tor“ haben wir einen tragfähigen Grund für dieses Leben (ob es sich nun draußen oder drinnen abspielen mag) und eine offene Tür zum ewigen Leben. Amen.

Gebet des Augustinus von Hippo (354–430),
O Gott, dein Segen
und deine Nähe seien mit uns.
Wache du, unser Gott, mit denen,
die wachen oder weinen in dieser Nacht.
Hüte deine Kranken
und lass deine Müden ruhen.
Segne deine Sterbenden,
tröste deine Leidenden,
erbarme dich deiner Betrübten
und sei mit deinen Fröhlichen.
So segne du jeden Einzelnen,
wie er es braucht.

Vaterunser

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

Es segne und behüte uns der allmächtige und gnädige Gott: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen





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