Evangelische Kirchengemeinde A.B. Schäßburg

500 Jahre Reformation 2017 

Predigt des Bischofs Reinhart Guib
Predigt des reformierten Bischofs Kató Béla
Predigt des evangelisch-lutherischen Bischofs Adorjáni Dezső -Zoltán
Ansprache anlässlich der Pflanzung des Apfelbäumchens im Schäßburger Predigergarten
Eindrücke vom Reformationsjubiläum


„12 Apfelbäumchen für ein klares Wort“ (Kraków, 14.5.2017)












Predigt des Bischofs Reinhart Guib

am Sonntag, den 5. November 2017 (Losung und Lehrtext des Reformationstages)
Hochwürdige Herren Bischöfe, verehrte Dechanten und Pfarrer, liebe Schwestern und Brüder!

In dieser Woche feiern viele Millionen Menschen weltweit das größte Fest seit Pfingsten: 500 Jahre Reformation. Seit 2012 hat sich unsere Evangelische Kirche mit einem reformatorischen Schwerpunktthema auf den Weg zu diesem Jubiläum aufgemacht.  2012  wurde  zum  Jahr  der  Bibel,  2013  des  Gottesdienstes,  2014  der Diakonie, 2015 der Bildung, 2016 der Reformatoren Luther und Honterus und 2017 dem 500-sten Reformationsjubiläum gewidmet. Die EKD hat mit ihrer Luther-Dekade eine noch weitere reformatorische Reise hinter sich. Am Reformationstag, also am Tag des Thesenanschlags Luthers am 31. Oktober, und auch heute am Sonntag   danach,   am   traditionellen   Reformationsfest, feiern wir als Evangelische Kirche nun unseren 500.Geburtstag. Wir feiern ihn im ökumenisch gesinnten Schäßburg zusammen mit der Evangelisch- Lutherischen ungarischsprachigen Kirche und der Reformierten Schwesterkirche. Denn seit der Reformation gehören wir in eine Familie der Protestanten, die seit Leuenberg 1973 Predigt- und Abendmahlsgemeinschaft zusammen pflegen.

Diese Gemeinschaft wollen wir wie im Oktober 2016 in Torenburg auch heute in der Einheit des Glaubens hier in Schäßburg miteinander teilen. Wie damals so auch heute haben wir ein Apfelbäumchen gepflanzt in der Reformationsgedenkreihe unserer Kirche „12 Apfelbäumchen für ein klares Wort“, welches auf das Lutherzitat zurückgeht: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Unsere Welt braucht Hoffnung.

Die alttestamentliche Reformations-Losung aus dem 34. Psalm sehe ich als Zusammenfassung dessen, was den Reformator von Herzen bewegte. Er hatte sich bemüht, alles zu tun, um der Wegweisung dieses Psalmwortes zu folgen. Er sah ein: „Wenn jemals jemand durch Möncherei selig geworden wäre, so wäre ich wohl selig geworden!“ Stattdessen erlebte er aber tiefste Verzweiflung. Davon können wir noch was ahnen, wenn wir sein Beichtgebet sprechen: „Ich armer, elender, sündiger Mensch…“ Auf seinem Sterbebett wurde er mit einem Zettel in der Hand gefunden. Darauf stand: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ Aus aller Verzweiflung befreit wurde Luther durch die Begegnung mit seinem Seelsorger Staupitz. Dieser mahnte ihn: „Du musst auf Christus schauen!“ Und das sagt uns auch die neutestamentliche Reformationslosung aus dem Römerbrief. Gerade diese beiden Bücher Psalmen und Römerbrief liebte der Reformator ganz besonders. Beiden hat er eine Vorlesung gewidmet. Später hielt er in großer Dankbarkeit fest: Mit dem Blick auf Christus habe er den Weg zur ewigen Seligkeit gefunden.

Liebe Reformationsgemeinde! Die Reformation war ein Apfelbäumchen der Hoffnung. Vor 500 Jahren erhoben Luther und Melanchthon und die weiteren Reformatoren, Calvin und Zwingli, Honterus und Wiener, Hebler und Unglerus, Helth und mit ihnen die Menschen des dunklen Mittelalters ihren Blick auf Christus. Dieser Blick veränderte sie und die Welt zum Guten. Das helle Zeitalter der Neuzeit und Moderne brach an. Ein Aufbruch ohnegleichen. Menschen lernten in ihrer Muttersprache zu lesen und die Hl. Schrift zu verstehen. Freiheit und Toleranz ebneten den Menschen den Weg zu Glauben und Bildung, zu Kunst und Kultur, zu Aufklärung und Frömmigkeit, zu Gemeinschaftsbewusstsein und sozialer Verantwortung. Heute leben wir wie selbstverständlich in der Lebens- und Glaubenswelt die Luther und die Reformatoren begonnen haben zu verändern. Diese Welt hat sich weiterentwickelt ohne Unterlass. Gerade in der heutigen rasanten Entwicklung der Technologie und Wissenschaft, der Wirtschaft und des Handels ist es nötig, sich zu besinnen, was hält und trägt, was stärkt und motiviert uns und wohin entwickeln wir uns.

Da steht wie ein Fels in der Brandung Christus, der uns im Leben, Sterben und Auferstehen vorausgegangen ist und der uns einlädt aufzusehen zu ihm und ihm nachzufolgen. An ihm können wir die Liebe des himmlischen Vaters ablesen. Die Gnade, mit der er uns gerne alle Schuld und Fehler, die Sünde vergibt, damit wir frei leben, einander annehmen und Gutes tun. Er schenkt uns obendrein den Glauben, ohne den wir verloren wären in den rasanten Entwicklungen und Veränderungen dieser Welt. Christus, Gnade, Glauben sind uns in der Hl. Schrift überliefert. Auch wenn die Welt sich noch schneller drehen und verändern wird, gilt es, diese 4 „Soli“, Erkenntnisse der Reformation, uns zu bewahren, lebendig zu gestalten und der nächsten Generation weiterzugeben. Zurückbleiben sollen wir nicht. Uns verändern ja. Aber mit Christus, der uns hält und zu uns steht. Dank Gottes Gnade und Liebe, die uns stärkt. Im Glauben, der uns Halt gibt und motiviert. Und nach der Hl. Schrift, die uns ausrichtet auf das, was kommt. Nein, auf den, der kommt, ja wiederkommt: Christus. Er ist das Apfelbäumchen der Hoffnung für diese Welt.

Ein Christusfest sind wir gerufen heute zu feiern. Und als befreundete und versöhnte protestantische Gemeinschaft und Geschwister lasst uns ein Leben mit Jesus Christus, gestern und heute und auch in Ewigkeit führen. Ich bin gewiss: Darauf wird der Herr seinen Segen geben.
Amen.


Es gilt das gesprochene Wort!




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Predigt des reformierten Bischofs Kató Béla

am Sonntag, den 5. November 2017

Grüß Gott, Békesség Istentől!
Mit dem traditionellen Gruß unserer Kirchen begrüße ich die Siebenbürgischen Vertreter von den zwei Hauptrichtungen des Protestantismus. Wenn Dorfbewohner mit verschiedenen Nationalitäten sich in einem mehrsprachigen siebenbürgischen Dorf treffen, grüßt der Ungar auf sächsisch und der Sachse grüßt auf Ungarisch. Das ist ein schönes Beispiel der gegenseitigen Ehre und Toleranz, und ich glaube es wurzelt in der besonderen Gesinnung der heimischen Reformation. Denn im Gegensatz zu anderen Teilen Europas, war hier die Toleranz der Grundsatz der Konfessionsbildung. Die Quelle dieser Toleranz ist Luthers Stadt, Wittenberg.

Die intellektuelle Elite beider protestantischer Kirchendistrikte, die sich aufgrund von Sprache gebildet hat, studierte in dieser Stadt, die Sachsen meistens bei Luther, die Ungaren  bei  Melanchthon.  Wunderlicher  Weise  ist  die  Wiege  der  Siebenbürgisch-Reformierten Kirche auch Wittenberg geworden. Wenn sich die zwei verschiedenen Lehren in Wittenberg vertrugen, warum könnten sie sich nicht auch in Siebenbürgen vertragen? – haben unsere Vorgänger gedacht. Sie haben zwar ihren Glauben und Gesinnung verteidigt, dafür haben sie aber nie geblutet. Im Laufe der siebenbürgischen Konfessionsbildung haben sich die Wege unserer Kirchen häufig gekreuzt. Wir haben uns aber meistens geholfen und nur selten beleidigt.

Nach 1568 wurden die an die Dreieinigkeit glaubenden Pfarrer aus der massiv-unitarischen Glaubensrichtung ausgeschlossen. Sie flüchteten zum sächsischen Bischoff. 1571 haben sie an der Synode in Mediasch teilgenommen und haben um Hilfe gebeten für die Begründung ihres eigenen Kirchendistriktes. Diese Begründung fand im nächsten Jahr statt, seitdem lebt und wächst die Siebenbürgisch-Reformierte Kirche. Herr Bischoff, ich danke Ihrem Vorgänger Matthias Hebler und Lukas Ungler für die Unterstützung bei der Gestaltung unserer kirchlichen Strukturen. Nur in dieser toleranten Atmosphäre konnte es zu diesem Paradoxon kommen, dass der erste Bischof unserer Kirche, Alesius Dénes, lutherisch, und der vierte Bischoff der sächsischen Kirche, Matthias Schiffbaumer, kalvinistisch war. Keine von diesen gefährdete die Einheit seiner eigenen Kirche wie auch die Bücher Calvins in lutherischen Bibliotheken oder die Luther-Bücher in reformierten Bibliotheken nicht. Hier muss man erwähnen, dass die größte Calvin-Sammlung von Siebenbürgen sich in der Bibliothek des Brukenthal-Museum in Hermannstadt befindet. Wir danken Euch, dass ihr das bewahrt habt und dass – seit einem Jahrzehnt wieder – ihr diese Schätze bewahrt.

Ein anderer schöner Beweis unserer Zusammenarbeit ist, dass bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die reformierten Gemeinden von Szászváros (Broos), Tordos (Eisenmarkt), Vizakna (Salzburg) und Kóbor (Kiewern) zum sächsisch-lutherischen Bischoff gehörten, die evangelischen Gemeinden von Nagysajó (Groß-Schogen) und Teke (Tekendorf) zum siebenbürgisch- reformierten Superintendent gehörten. Bei der Ordination dieser Pfarrer konnte jeder auf sein eigenes Glaubensbekenntnis schwören, die reformierte Synode garantierte die Einhaltung des Augsburger Bekenntnisses, die lutherische Synode garantierte die Einhaltung des Helvetischen Bekenntnisses.

Unsere Schulen waren auch gegenseitig offen füreinander: die Honterus-Schule von Kronstadt lehrte mehrere reformierte Prediger aus dem Burzenland und Háromszék. Die Weißenburger und Straßburger Schule war für ca. 80 Pfarrer aus dem 17. Jahrhundert die Alma Mater. In der Weißenburger Schule waren die deutschsprachigen Schüler eine besondere Gruppe, die an Feiertagen sogar mit Liedern den Begründer-Fürst Bethlen Gábor begrüßten.

In dieser brüderlichen Einheit gab es ein Interesse an europäischem Irenismus, dessen Ziel die organisatorische Einheit von lutherischen und reformierten Kirchen war. Die Einheitsbemühungen von David Pareus und Johannes Dureus war mehrmals Thema in siebenbürgischen Synoden. Die Verwirklichung dieser Einheit lag nicht an den Siebenbürgern.

Diese Faktenreihen der Geschichte beweisen, dass unsere Kirchen sich nicht nur in der Not zusammengefunden haben, sondern im gemeinsamen reformatorischen Erbe, in gemeinsam bewahrten Gemeinden zu gutem brüderlichen Dialog geführt wurden. Die Veränderungen des 20. Jahrhunderts haben unsere Zusammenarbeit neu bestimmt. Der 1918 entstandene Interkonfessionelle Rat musste für Jahrhunderte alte Rechte gemeinsam kämpfen. Das 1948 auf staatlichen Druck entstandene Protestantisch-Theologische-Institut hatte in der siebenbürgischen Pfarrerbildung eine neue Farbe bekommen, dank des Einzugs der deutschsprachigen Evangelischen Fakultät im östlichen Flügel des Instituts. Die Pfarrer dieser Jahrgänge sind die „letzter Mohikaner" der siebenbürgischen Toleranz, die in der Not auf Deutsch, Ungarisch oder Rumänisch predigen können.

Für diesen Zeitraum bedanken wir uns bei Ihnen nochmals, dass in der Zeit der Industrialisierung in vielen süd- siebenbürgischen sächsischen Kleinstädte viele ungarisch-reformierte Gemeinden entstanden sind. Und die evangelischen Schwestern und Brüder haben ihre Kirchentore geöffnet. So war es in Agnetheln, Reps, Heltau usw. In  Heltau ist es derzeit unverändert so. Die Sachsen aus Schmiegen mussten in den 80-ger Jahren ihre Kirche verkaufen. Sie haben dann ihr neues Zuhause in der Reformierten Kirche gefunden, so dass derzeit auch der reformierte Kurator selber Sachse ist. In vielen entvölkerten, veralteten  sächsischen Gemeinden kämpfen die reformierten Brüder zusammen, die Kirchen zu pflegen und zu bewahren. Diese Zusammenarbeit ist sichtbar auch hier in Schäßburg.

Es ist kein Zufall, dass wir heute in dieser Kirche feiern. Wegen zwei Fakten  haben unsere Kirchen so entschieden: einmal, die gemeinsame Vergangenheit: der erste Vorbote der Siebenbürgischen Reformation war die Schäßburger Disputation, dessen Ereignisse von Gáspár Heltai – der in Hermannstadt geboren und in Klausenburg gestorben ist – im bunten Wortschatz beschrieben wurden. In Schäßburg waren 1538 schon Protestanten, die Gottes Wort predigten. Das zweite ist die gemeinsame Gegenwart, die gute Freundschaft der beiden protestantischen Pfarrer, Bruno Fröhlich und István Biró, was die gute Freundschaft der zwei Gemeinden prägt. Das gemeinsame Feiern der Schäßburger ist ein schönes Beispiel der lebendigen, aus Glauben entstandenen Ökumene.

So fängt Heltais Disputationsbeschreibung an: „Dann hat Gottes Wort im ganzen Siebenbürgen angefangen zu donnern.“ Ich glaube, dass Gottes Wort auch heute donnert und trotz der vielen Blitzableiter sein Ziel erreicht. Möge Gott uns geben, dass wir weiterhin in unseren evangelischen und reformierten Gemeinden diesen Blitz hören, sehen und fühlen können und Kraft bekommen können. Das ist das einzige Pfand unseres Bestandes.

Amen.


Es gilt das gesprochene Wort!





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Predigt des evangelisch-lutherischen Bischofs Adorjáni Dezső -Zoltán

am Sonntag, den 5. November 2017

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus, feiernde Gemeinde, geehrte Amtsbrüder!

Gibt es eine größere Freude für einen Pfarrer in diesem Gottesdienst, als diejenigen versammelt zu sehen, die an Jesus Christus glauben und ihm nachfolgen wollen? Als erstes bin ich von Dankbarkeit erfüllt. Die Idee der heutigen Feier hat mich sehr erfreut, herzlichen Dank an die Herren Dechanten für ihre Initiative! Der Ablauf dieses Ereignisses ist voller Symbole, biblischer Botschaften, erhebender Hinweise auf das Wesen der Reformation.

Wir, die ungarischen protestantischen Geistlichen, reformiert und evangelisch, haben uns unten in der reformierten Kirche versammelt und sind gleich einem Pilgerzug mit Gebet und Gesang zur Kirche unserer sächsischen Geschwister in die Burg heraufgezogen. Hier dürfen wir die Gäste der sächsischen Lutheraner sein, gemeinsam Gottesdienst feiern, Gottes Wort hören und am Sakrament des Abendmahls teilnehmen. Das, liebe Schwestern und Brüder, ist gelebte Reformation!

Auch so könnten wir es formulieren: von zu Hause, aus der reformierten Kirche, haben wir hierher heimgefunden, zur evangelischen Kirche. Denn Gottes Haus ist unser aller Zuhause, wo Jesus Christus in Wort und Sakrament wahrhaftig gegenwärtig ist und wir seine Familie, seine Tischgemeinschaft bilden, die vom heiligen Geist ernährt, gestärkt und erneuert wird.

Wenn wir schon bei den Symbolen sind, ist das nicht ein schönes Bild unserer vielfältigen, reichen  und wertvollen siebenbürgischen Identität? Sie verbindet und bestimmt uns seit Jahrhunderten und bildet eben wegen ihrer Vielfältigkeit eine schöne und wertvolle Einheit.

Wir sind hierher gepilgert, herauf in die Burg, in die Kirche. Das hat mich an folgendes Bibelwort aus dem Hebräerbrief, 13. Kapitel, Vers 14 erinnert: „Denn wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir”. Gerade hier in Schäßburg zwischen diesen geschichtsträchtigen, jahrhundertealten Mauern zu sagen, dass wir keine bleibende Statt haben, wo wir doch eine Vergangenheit von 1100 beziehungsweise 900 Jahren in diesem Gebiet haben, das könnte nach Häresie klingen. Dabei ist dies die Wahrheit, die uns Gottes Wort ans Herz legen will: hier auf Erden haben wir nichts Ewiges, unser Hiersein ist vergänglich und dem Zeitdruck unterlegen, das Leben ist eine kurze Reise.

Jedoch sind wir in dieser kurzen Zeit Gottes pilgerndes Volk und nicht eine sich ziellos bewegende Masse. Wir sind keine gesichtslose Menge, unsere Reise hat ein Ziel, eine Richtung, einen Sinn. Jesus Christus selbst hat uns eine zukünftige bleibende Statt geschaffen und uns den Pilgerweg aufgetragen.

Liebe Schwestern und Brüder, wir sind hierher heraufgekommen in die Burg zwischen den großen, schweren und beständigen Steinmauern bis unter das Gewölbe der Kirche. Ich denke dabei, wie vielen Generationen diese Mauern Geborgenheit und Schutz geboten haben. Die Worte des 46. Psalms fallen mir dabei ein: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke … der Gott Jakobs ist unser Schutz” und weiter die Verse von Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott”, ein von Herzen kommendes Glaubensbekenntnis. An großen Festen ist bei uns dieses Lied nicht zu vermissen. Unsere Gläubigen singen es mit großer Begeisterung, mit tiefer Inbrunst und Intensität. Ein Schlüsselwort, das sowohl in den Psalmen als auch im Lied immer wieder vorkommt ist die Burg, die Stärke, der Schutz „Gott ist unser Schutz und unsere Stärke”.

Man meint, unsere schönen siebenbürgischen Burgen, die Kirchenburgen mit ihren  starken  Mauern symbolisieren Schutz, Beständigkeit und Zuflucht. Aber aus unserer Geschichte wissen wir auch, dass von Menschenhand gebaute Mauern, so stark sie auch sein mögen, doch keinen Bestand haben.

Aber Gott ist mit uns, er ist „wie eine Burg”, er ist unsere Zuflucht, unsere Burg, unsere Stärke, der Schutz für sein Volk. Die Stärke dieser besonderen, uns umgebenden Burg ist trotzdem nicht von Steinmauern, Basteien, Türmen, Schutzwällen oder bewaffneten Söldnerscharen gegeben. Die Stärke dieser Burg ist Gott selbst, der für uns kämpfende Christus. Diese Burg besteht auch heute, „Gott ist selbst darinnen”, „das Wort bleibet wie der Stein” - schreibt Luther. Ich bin überzeugt, dass Gott der Heilige Geist sein Werk an uns noch nicht abgeschlossen hat, wir müssen weiterhin unseren Pilgerweg gehen, jetzt jedoch auf jeden Fall zusammen. Nicht nur deshalb, weil es zusammen besser ist, wir zusammen stärker sind, weil es einfacher ist, praktischer oder wir in den Augen der Zuschauer sympathischer aussehen. Sondern vor allem deshalb, weil es Christi Wille ist, sein Gebot an uns. Er selbst betete diese Worte: „dass alle Eins sein mögen, dass die Welt glauben solle, dass du mich gesandt hast. Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, dass sie Eins sein mögen, so wie wir Eins sind...”

Dies ist nicht eine formelle, scheinheilige, politisch motivierte Ökumene, es ist kein ideologisch motiviertes Schauspiel, das heutzutage oft erlebt werden kann. Es ist der Moment, in dem Gott für uns handelt, uns den Geist der Einheit, der Liebe und des Friedens schenkt.

Liebe Schwestern und Brüder, wir sind hierher heraufgekommen in die Burg zwischen den großen, schweren und beständigen Steinmauern bis unter das Gewölbe der Kirche. Ich denke dabei, wie vielen Generationen diese Mauern Geborgenheit und Schutz geboten haben. Die Worte des 46. Psalms fallen mir dabei ein: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke … der Gott Jakobs ist unser Schutz” und weiter die Verse von Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott”, ein von Herzen kommendes Glaubensbekenntnis. An großen Festen ist bei uns dieses Lied nicht zu vermissen. Unsere Gläubigen singen es mit großer Begeisterung, mit tiefer Inbrunst und Intensität. Ein Schlüsselwort, das sowohl in den Psalmen als auch im Lied immer wieder vorkommt ist die Burg, die Stärke, der Schutz „Gott ist unser Schutz und unsere Stärke”.

Liebe Geschwister, wenn wir heute schon so feierlich unsere Einheit zeigen, lasst mich abschließend sagen, dass weder Calvin noch Luther oder Melanchton das Konzept mehrerer christlicher Kirchen gekannt haben. In der Gedankenwelt und im Glauben des spätmittelalterlichen Menschen konnte es nicht mehrere Kirchen geben. Denn Jesus Christus, unser Heiland, ist einer allein! Jesu Christi Leib ist einer allein. Gottes heilende Liebe zu jedem einzelnen Menschen entspringt ein und derselben, nie versiegenden Quelle. Das Ereignis der Offenbarung von Gottes Liebe und Barmherzigkeit, das Christus-Ereignis, ist ein einziges. Es gibt eine Taufe. Es gibt einen Geist, jedoch viele verschiedene Gaben. Diesen Geist schenkt uns Gott auch hier und jetzt, den Geist des Glaubens, der Erleuchtung, der Berufung, der Heiligung und der Beständigkeit.

Das ist das Wesentliche an der heutigen Reformation, das ist die Aktualität der Reformation.


Es gilt das gesprochene Wort!




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Ansprache des Stadtpfarrers Dr. Hans Bruno Fröhlich anlässlich der Pflanzung des Apfelbäumchens im Schäßburger Predigergarten

am Sonntag, den 5. November 2017

Hochwürdiger Herr Bischof, sehr geehrte Damen und Herrn, liebe Brüder und Schwestern!

Reformatorisches Gedankengut kam relativ schnell auch nach Siebenbürgen; etwa 2 Jahre nach dem Thesenanschlag, also 1519. Allerdings war die Zeit für reformatorische Maßnahmen noch nicht reif. Was die Menschen damals in diesem Landstrich bewegte, war die Türkengefahr. Diese Befürchtung sollte sich als berechtigt erweisen. Im Jahr 1526 kam es zu der Schlacht von Mohács, in der die Ungarn besiegt wurden, der König Ludwig II. selber sein Leben verlor und das Reich auf drei Teile geteilt wurde. In Siebenbürgen folgte eine turbulente bürgerkriegsähnliche Zeit, in der Machtkämpfe um den Thron und weniger Kirchenreformen im Fokus standen. Im Jahr 1538 fand diese Zeit mit dem Frieden von Großwardein ihr Ende. Johann Zápolya hatte sich als König – auch mit Unterstützung der Sachsen – behauptet.

Dass die großen politischen Themen im Vordergrund standen, bedeutete aber nicht, dass in der Kirche Stillstand angesagt war. „In vielen siebenbürgischen Städten hatte sich die Kirchenerneuerung in der Praxis niedergeschlagen, lange bevor es reglementierende Beschlüsse gab …“  Ein Dokument aus dem Jahr 1529, das zur Zeit neu ausgewertet wird , erzählt davon, dass der Prior des Dominikanerklosters hier in Schäßburg es beklagt, dass selbst in den Herzen seiner Amtsbrüder – also der Mönche – die „Häresie Luthers“ eingedrungen wäre. Eigentlich ist es logisch: die Dominikaner sollten als angehörige eines Predigerordens die Schriften Luthers widerlegen, mussten diese natürlich lesen, und stellten fest, dass doch nicht alles so falsch sein konnte, wie das die Kirchenoberen gerne gewollt hätten. Im Gegenteil: so manche Idee Luthers scheint überzeugt zu haben. Das „klare Wort“ begann Frucht zu tragen.

Der Ort an dem wir stehen, ist geschichtsträchtig, auch wenn er in seiner jetzigen Erscheinungsform – nämlich als Predigergarten – nicht unbedingt danach ausschaut. Hier stand einstmals eine Kirche (oder eher eine Kapelle), von der die Außenmauer noch erhalten ist. Ob es die älteste Kirche der Stadt gewesen ist, oder nicht, darüber sind sich die Fachleute nicht einig; aber das ist auch nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass hier im Jahr 1538 ein Ereignis stattgefunden hat, welches wegweisend für den Verlauf der Reformation in ganz Siebenbürgen gewesen ist: das »Schäßburger Religionsgespräch«.

Der König Johann Zápolya war „von der Wucht der Reformation und ihrer geistigen Strahlkraft beeindruckt und gleichzeitig beunruhigt.“  Darum ließ er die Befürworter und die Gegner der Reformation zu einem Gespräch hier in dieser Kapelle zusammen kommen. Erbitterter Gegner und Wortführer dieser Gruppe war der Großwardeiner Bischof und Schatzkanzler Georg Martinuzzi. Als Redner der Befürworter des reformatorischen Gedankengutes wurde Stefan Szántai aus Kaschau herbeigerufen; das ist möglicherweise auch ein Hinweis darauf, dass es die großen Spezialisten hier im Land noch nicht gab, oder diese sich nicht trauten, Farbe zu bekennen. Sächsische Vertreter sind in der Delegation der Befürworter aber auch bezeugt, u. zw. aus Lechnitz, Bistritz und Kronstadt; allerdings sind diese beim Religionsgespräch einfache Zuhörer. Der König soll gesagt haben: „Gott sei Dank! Meine Feinde sind so sehr zusammengedroschen, dass ich von niemand mehr etwas zu befürchten habe. Aber nun lasse ich die beiden großen Böcke aufeinander los. Welcher gewinnen kann, wird sich zeigen.“

Sogar zwei – vom König bestellte – Schiedsrichter, Adrianus Wolfhard und Martin Kalmancehi (beide aus Weißenburg), sollten darüber wachen, dass alles mit rechten Dingen zuging. Doch so einfach war ihre Aufgabe nicht: „Stefan Szántai begann mit einer biblisch-reformatorischen Begründung seiner Anliegen. Doch schon während des Vortrags wurde er von katholischer Seite immer wieder lautstark unterbrochen. Ein sachliches Gespräch, stellte sich heraus, konnte unter den Umständen nicht stattfinden.“  Die Schiedsrichter baten schließlich, man möge sie von ihrem Auftrag befreien, denn Stefan Szántai, der evangelische Vertreter, war mit seinen Argumenten wohl überzeugender. Das offen zuzugeben, hätte die Schiedsrichter selber in Gefahr gebracht. Martinuzzi und seine Gefährten verlangten, Szántai auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. Diese Anforderung wies König zurück, empfahl Szántai aber das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Das tat dieser auch. 

Auch wenn man damals unverrichteter Dinge auseinanderging, kann dieses Gespräch eigentlich als Punktsieg für die Evangelischen gewertet werden, denn die begonnene Bewegung war nicht mehr aufzuhalten. Drei Jahre später (1542) wurde in Kronstadt die erste „evangelische Messe“ gefeiert. Nachher griff die Reformation auch auf die andern Orte Siebenbürgens über bzw. wurde systematisch durchgeführt. Heute pflanzen wir hier ein „Apfelbäumchen für ein klares Wort“, in Erinnerung daran, dass das »klare Wort« von 1538 seine Frucht gebracht hat.


Es gilt das gesprochene Wort!




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Eindrücke vom Reformationsjubiläum in Schäßburg

am Sonntag, den 5. November 2017 von Stadtpfarrer Dr. Hans Bruno Fröhlich

Der König Johann Zápolya war „von der Wucht der Reformation und ihrer geistigen Strahlkraft beeindruckt und gleichzeitig beunruhigt.“  Darum ließ er die Befürworter und die Gegner der Reformation zu einem Gespräch hier in dieser Kapelle zusammen kommen. Erbitterter Gegner und Wortführer dieser Gruppe war der Großwardeiner Bischof und Schatzkanzler Georg Martinuzzi. Als Redner der Befürworter des reformatorischen Gedankengutes wurde Stefan Szántai aus Kaschau herbeigerufen; das ist möglicherweise auch ein Hinweis darauf, dass es die großen Spezialisten hier im Land noch nicht gab, oder diese sich nicht trauten, Farbe zu bekennen. Sächsische Vertreter sind in der Delegation der Befürworter aber auch bezeugt, u. zw. aus Lechnitz, Bistritz und Kronstadt; allerdings sind diese beim Religionsgespräch einfache Zuhörer. Der König soll gesagt haben: „Gott sei Dank! Meine Feinde sind so sehr zusammengedroschen, dass ich von niemand mehr etwas zu befürchten habe. Aber nun lasse ich die beiden großen Böcke aufeinander los. Welcher gewinnen kann, wird sich zeigen.“

Sogar zwei – vom König bestellte – Schiedsrichter, Adrianus Wolfhard und Martin Kalmancehi (beide aus Weißenburg), sollten darüber wachen, dass alles mit rechten Dingen zuging. Doch so einfach war ihre Aufgabe nicht: „Stefan Szántai begann mit einer biblisch-reformatorischen Begründung seiner Anliegen. Doch schon während des Vortrags wurde er von katholischer Seite immer wieder lautstark unterbrochen. Ein sachliches Gespräch, stellte sich heraus, konnte unter den Umständen nicht stattfinden.“  Die Schiedsrichter baten schließlich, man möge sie von ihrem Auftrag befreien, denn Stefan Szántai, der evangelische Vertreter, war mit seinen Argumenten wohl überzeugender. Das offen zuzugeben, hätte die Schiedsrichter selber in Gefahr gebracht. Martinuzzi und seine Gefährten verlangten, Szántai auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. Diese Anforderung wies König zurück, empfahl Szántai aber das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Das tat dieser auch. 

Auch wenn man damals unverrichteter Dinge auseinanderging, kann dieses Gespräch eigentlich als Punktsieg für die Evangelischen gewertet werden, denn die begonnene Bewegung war nicht mehr aufzuhalten. Drei Jahre später (1542) wurde in Kronstadt die erste „evangelische Messe“ gefeiert. Nachher griff die Reformation auch auf die andern Orte Siebenbürgens über bzw. wurde systematisch durchgeführt. Heute pflanzen wir hier ein „Apfelbäumchen für ein klares Wort“, in Erinnerung daran, dass das »klare Wort« von 1538 seine Frucht gebracht hat.

Bischof Reinhart Guib ging in seiner Predigt (gehalten in deutscher Sprache; ungarische Übersetzungen konnten als Handout mitverfolgt werden) von der Losung und dem Lehrtext des diesjährigen Reformationstages, des 31. Oktobers aus: „Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach.“ (Psalm 34,15) & „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.“ (Römer 15,7). Dabei wies er auf das Zentrum unseres Glaubens und unserer Verkündigung, nämlich auf Christus, hin: „Da steht wie ein Fels in der Brandung Christus der uns im Leben, Sterben und Auferstehen vorangegangen ist und der uns einlädt aufzusehen zu ihm und ihm nachzufolgen.“ ER wurde von den Reformatoren neu entdeckt und ins Blickfeld gerückt. „Dieser Blick veränderte sie (die Menschen) und die Welt zum Guten.“ sagte Bischof Guib.

Bischof Kató Belá ging in seiner Ansprache (auf Ungarisch gehalten, wobei deutsche Übersetzungen vorlagen) auf die guten Verbindungen zwischen Reformierten und Lutheranern in Siebenbürgen ein, die auf die Anfänge der Reformation zurückzuführen sind. Damals begannen diese beiden Glaubensrichtungen in Zentral- und Westeuropa getrennte Wege zu gehen. Hier in Siebenbürgen – wo die religiöse Freiheit damals schon und später auch ein hohes Gut war – gab es sogar das Paradox, dass einer der reformierten Bischöfe, Alesius Dénes, lutherisch und einer unserer evangelischen Bischöfe, nämlich Matthias Schiffbaumer, kalvinistisch war. Reformierte Schüler besuchten sächsische Gymnasien und umgekehrt: lutherische Schüler gingen auf reformierte Schulen. „Ein anderer schöner Beweis unserer Zusammenarbeit ist, dass bis Mitte des 19. Jahrhunderts die reformierten Gemeinden von Szászváros (Broos), Tordos (Eisenmarkt), Vizakna (Salzburg) und Kóbor (Kiewern) zum sächsisch-lutherischen Bischof gehörten, während die evangelischen Gemeinden von Nagysajó (Groß-Schogen) und Teke (Tekendorf) zum siebenbürgisch-reformierten Superintendenten.“, so Bischof Kató.

Bischof Adorjáni Dezső-Zoltán predigte zweisprachig und gab seiner großen Freude Ausdruck: „Wir, die ungarischen protestantischen Geistlichen, reformiert und evangelisch, haben uns unten in der reformierten Kirche versammelt und sind gleich einem Pilgerzug mit Gebet und Gesang zur Kirche unserer sächsischen Geschwister in die Burg heraufgezogen. Hier dürfen wir die Gäste der sächsischen Lutheraner sein, gemeinsam Gottesdienst feiern, Gottes Wort hören und am Sakrament des Abendmahls teilnehmen. Das, liebe Schwestern und Brüder, ist gelebte Reformation!“

In der Tat waren die ungarischen Glaubensgeschwister mit ihren Bischöfen und Pfarrern in einem feierlichen Fackelzug von der reformierten Kirche neben der Kokelbrücke aus zur Klosterkirche in die »Burg« hinauf „gepilgert“, geistliche Lieder singend. Dort vor dem Kirchenportal wurden sie von der evangelischen Gemeinde zusammen mit Bischof Guib, Dechant Fröhlich und Pfr. i. R. Dr. Rolf Binder erwartet.

Vorher hatte es in der reformierten Kirche ein Konzert mit archaischer ungarischer geistlicher Musik gegeben. Während dieses Konzertes hatte sich die viel kleinere sächsische evangelische Gemeinde im Predigergarten versammelt. Das ist der Ort, wo die alte Kirche bzw. Kapelle stand, in der das für die Reformation Siebenbürgens so wichtige »Schäßburger Religionsgespräch« im Jahr 1538 stattgefunden hatte. In diesem Gespräch – vom König Zápolya János einberufen – setzte sich der Großwardeiner Bischof und Kanzler Georg Martinuzzi mit dem Verfechter der neuen Lehre Stefan Szántai auseinander. Zur Erinnerung an jene Disputation, in der ein „klares Wort“ gesprochen worden war, welches der Reformation hier in Siebenbürgen zum Durchbruch verholfen hatte, wurde das 11 Apfelbäumchen gepflanzt.

Diese denkwürdige Veranstaltung – die Pflanzung des Apfelbäumchens, der Empfang des Fackelzuges, der Gottesdienst mit den über 300 Abendmahlsteilnehmer (die meisten in den 20 Jahren seit ich in Schäßburg bin und wahrscheinlich die meisten auch noch für lange Zeit von jetzt an), aber auch das gemütliche Beisammensein mit der hohen Gästen im Anschluss an den Gottesdienst – all das sind bleibende Erinnerungen und einer der Höhepunkte meines pfarramtlichen Dienstes, wofür ich Gott und allen Beteiligten dankbar bin.


Es gilt das gesprochene Wort!




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„12 Apfelbäumchen für ein klares Wort“

Kantate - 14.5.2017, Krakau (Polen) - Kraków (Małopolska) - Predigt zu Hebräer 4,12 – 13

 



Liebe Schwestern und Brüder!

I. Es ist eine große Ehre und Freude für die Evangelische Kirche A. B. in Rumänien und natürlich auch für mich persönlich als ihr Vertreter, heute hier in der Evangelischen Kirche St. Martin in Krakau predigen zu dürfen. Es kommt in unserer Zeit relativ selten vor, dass Unsereiner sich hierzulande aufhält, und das – wie ich jetzt feststellen möchte – zu Unrecht. Denn uns verbindet eine ganze Menge; mehr als man auf Anhieb meinen würde.
Einerseits sind es Verbindungen historischer Natur und das ist natürlich auch der Hauptgrund weshalb wir heute hier sind. Kein geringerer als unser Reformator Johannes Honterus hat hier in Krakau einen – wenn auch kurzen – Teil seines Lebens verbracht und war wissenschaftlich tätig. Dieser Aufenthalt dauerte von Winter bis Herbst 1530; das Jahr in dem in Augsburg beim Reichstag die Bekenntnisschrift Philipp Melanchtons dem Kaiser vorgelegt wurde, die bis heute maßgeblich ist, und deren Namen bis heute im Titel unserer Kirchen vorhanden ist (Evangelische Kirche A. B. in Polen und in Rumänien). Auf Einzelheiten möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, es ist im gestrigen Vortrag im Goethe-Institut durch Dr. Dr. G. Volkmer geschehen und im heutigen Grußwort von Dr. B. Köber gesagt worden.
Aber wir wollen uns heute nicht nur vergangene Ereignisse in Erinnerung rufen. Gerade von der Reformation herkommend, sind wir als evangelische Christen bis auf den heutigen Tag verbunden. Mehr noch: die gemeinsame Geschichte der letzten Jahrzehnte – und ich meine damit zunächst die Zeit im Kommunismus und dann in der postmodernen Freiheit in einem vereinten Europa – schafft eine ganze Reihe von Anknüpfungspunkten. Sowohl Sie hier in Polen, als auch wir im heutigen Rumänien gehören einer lutherischen Minderheitenkirche an, mit all dem was ein solches Minderheitendasein an Nachteilen, aber auch an Vorteilen mit sich bringt. Auch darauf einzugehen, würde den Rahmen einer Predigt sprengen; vielleicht ergibt sich aber die Möglichkeit im Anschluss an diesen Gottesdienst noch ins Gespräch zu kommen.
Worauf ich meine Predigt fokussieren möchte – erstens weil es die Thematik unserer Gesamtveranstaltung hier in Krakau vorsieht, zweitens aber auch deshalb, weil wir als evangelische Christen einer „Kirche des Wortes“ angehören – ist das Thema Wort oder Sprache.

II) In diesem Sinne, lade ich dazu ein, dass wir heute über ein Bibelwort nachdenken, welches im Hebräerbrief zu finden ist (Hebräer 4,12 – 13): 

12. Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
13. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. 1.) Durch das Wort bzw. durch die „Sprachfähigkeit“ sind wir Menschen einmalig; zumindest hat man noch keine ähnlichen Lebewesen im Weltall entdeckt. Dank dieser Fähigkeit sind wir in der Lage konkrete und abstrakte Dinge zu artikulieren. Kein Lebewesen sonst, ist dies zu leisten imstande. Zum einen also unterscheidet uns diese Fähigkeit von allen andern Lebewesen. Zum andern aber, macht sie uns Gott unmittelbar. Auf den ersten Seiten der Bibel schon, im Schöpfungsbericht aus dem Buch der Genesis, wird das deutlich indem der Mensch als einziges unter den Geschöpfen dargestellt wird, welches der Schöpfer mit direkter Rede anspricht. Dass wir uns auf diese Einmaligkeit etwas einbilden könnten oder sollten, das lag sicher nicht im Sinne des Schöpfers; es beinhaltet im Gegenteil eine riesengroße Verantwortung, welcher der Mensch mal mehr, mal weniger gerecht geworden ist. Die »Wort-Fähigkeit« des Menschen kann – je nachdem wie sie angewendet wird – dem Menschen zum Vorteil gereichen oder aber ihn hinunter drücken. Wir erleben in der heutigen Zeit, in erster Linie natürlich über die Medien (Fernsehen, Radio, Internet) geradezu eine „Inflation des Wortes“. Alles kann oder darf gesagt werden und wird auch gesagt, wobei nicht mehr deutlich unterschieden werden kann, ob das Gesagte auch etwas Sinnvolles vermittelt, oder nicht. Das liegt vor allem daran, dass „Hinz und Kunz“ das Wort erteilt bekommen (also jedermann öffentlich reden darf) bzw., dass plötzlich Menschen zu Wort kommen, die gar nichts zu sagen haben, denen aber eine ganze Nation zuhört. Worte werden ihres Inhaltes entledigt, und verkommen zu leeren Worthülsen. Andererseits aber ist es so, dass Personen oder Persönlichkeiten, die eine Vorbildfunktion in der Gesellschaft haben sollten, was den Umgang mit dem Wort angeht, deren Wort etwas zählen sollte (Lehrer, Ärzte, Politiker, aber – warum nicht? – auch Pfarrer), gar nicht gehört werden, oder aber ihrer Vorbildfunktion aus andern Gründen nicht gerecht werden. Erinnern wir uns bloß an den letzten Wahlkampf um die Präsidentschaft in Amerika: was wurden dort für Worte verwendet? Menschliche Worte können aufbauen und können niederschmettern. Sprache kann zum Nutzen und zum Schaden gereichen. 2.) Wie sieht es aber mit dem Worte Gottes aus? Die Tatsache, dass Gott dem Menschen im Wort nahe kommt, ist Krise und Chance zugleich. Diese Problematik führt uns das vorhin verlesene Bibelwort deutlich vor Augen. Wenn wir predigen, haben wir den Anspruch, kraft göttlicher Autorität zu reden, eben Gottes Wort den Menschen zu verkündigen. Ich stelle aber – zumindest was mich selber betrifft – immer wieder eine gewisse Sprachlosigkeit fest, wenn es darum geht, mehr zu sagen als nur das eigene Wort. Wenn ich die Heilige Schrift auslegen soll, laufe ich als Prediger dauernd Gefahr mein Wort in das Wort Gottes hinein zu lesen, meine Gedanken in die Gedankenwelt Gottes hinein zu interpretieren. Gerade die Reformatoren haben dies erkannt, bzw. Irrwege und Fehlentwicklungen in der mittelalterlichen Kirche gesehen und angesprochen. Mit ihrer Hinwendung zur Heiligen Schrift haben sie versucht, die „Mitte“ zu finden oder wieder zu finden. Aber auch sie, wie auch wir heute, waren genötigt zu „interpretieren“. Die Frage ist: WIE soll oder wie kann zwischen Gotteswort und Menschenwort unterschieden werden? Bereits im Alten Testamentes finden wir dies in ganz bemerkenswerter Weise dargestellt; so z. B. bei dem Propheten Jeremia. Das Wort des Propheten steht gegen das Wort, der andern Propheten; in der Regel waren es die „Hofpropheten“ der damaligen Machthaber, welche ihren Herrn nach dem Mund redeten. Jeder Prophet jedoch beanspruchte für sich, kraft der Autorität Gottes zu reden. Jahrhunderte danach ist Jeremia zu einer Autorität geworden; seine Reden gelten als von Gott inspiriert. Was aber hat den Menschen damals (den Zeitgenossen des Jeremia) plausibler geklungen? Wir wissen, dass die damaligen Machthaber und die Mehrheit des Volkes seinen Ratschlägen nicht gefolgt sind und andere Wege gingen. Und so fragen wir im Blick auf unsere Zeit und auf uns selber: Woran können oder woran sollen wir erkennen, was Gottes Wort ist? Vor allem aber: Woran sollen wir erkennen was Gottes Wort NICHT ist? Kann ich als Prediger die Garantie dafür geben, dass das was ich Sonntag für Sonntag von der Kanzel sage, Gottes Wort ist und nicht nur mein eigenes – sei es auch interessantes – Gedankengebilde? 3.) Der bekannte Text aus dem Hebräerbrief von dem Wort Gottes, welches „lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert“ ist, liefert uns ein paar Wesenszüge des Gotteswortes, die wir uns zu Gemüte führen wollen. a.) Gottes Wort ist lebendig und kräftig. Das, was im Namen Gottes verkündigt wird, muss etwas von dieser Lebendigkeit und von dieser Kraft uns vermitteln. Es muss für unser Leben relevant sein, es muss uns weiter helfen. Wenn ich nur mein Wort oder nur meine Gedankengänge weiter sage, dann kann das – wenn es gut herüber kommt – vielleicht eine schöne, vielleicht sogar eine philosophische Rede werden, aber keine Predigt, keine Verkündigung des Wortes Gottes. b.) Gottes Wort ist scharf und es richtet, d. h. es ist imstande Dinge voneinander zu scheiden und zu beurteilen. Hier ist das gemeint, was wir nach unsern menschlichen Kategorien und Möglichkeiten nur mühsam umschreiben können. Gottes Wort kann uns zu dem allerwichtigsten führen, was wir in diesem Leben nur erstreben können, nämlich: Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Es kann nichts Wichtigeres geben, als den Menschen genau diese Unterscheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen zu vermitteln und für ihr Leben fruchtbar zu machen. Wo das geschehen ist, da ist Gottes Wort ergangen. c.) Gottes Wort deckt alles auf und es lehrt uns daß wir Rechenschaft ablegen müssen. Auch wenn wir wissen, dass wir in Christus Vergebung der Sünden haben (eine der großen „Wiederentdeckungen“ der Reformation), so sind wir der Rechenschaftspflicht nicht enthoben. Das bewahrt uns davor, mutwillig zu werden. Es vermittelt uns den Ernst der Lage, in der wir uns alle – durch den Zustand der Sündhaftigkeit – befinden. Es hilft uns zugleich aber, genau die von der Sündhaftigkeit verursachten Mängel zu entdecken. Auch wenn es in dieser Welt keine Vollkommenheit gibt, so ist das kein Grund, nicht an uns selber zu arbeiten. Gottes Wort bewirkt in uns das, was von nichts anderem bewirkt werden kann: es hilft uns aus unserem Alltagsgrau heraus den Kopf zu heben, für unsern Mitmenschen ein Sensorium zu entwickeln und schließlich unseren Weg in dieser Welt zu vollenden, der uns zu Gott führt. III. Zum Schluss und zusammenfassend möchte ich aber noch eines festhalten. Ich denke, dass gerade wir als „Minderheitenkirchlicher“ dies nur zu gut verstehen können: Gottes Wort erklingt oft viel leiser, als wir es aus dem Tagesgeschehen gewohnt sind. Wiewohl es lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert ist, so hat es eine besondere Eigenschaft: es drängt sich nicht auf. Gerade das ist ein wesentlicher Unterschied zu menschlichem Wort. Doch die Hoffnung – die nur das Wort Gottes vermitteln kann – ist Zeichen dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind, wenn wir es hören und uns danach richten. Möge der allmächtige Gott, der uns „wortfähig“ geschaffen hat, helfen das Wort in rechter Weise zu hören, es in uns wirken zu lassen und es in rechter Weise anzuwenden. Nichts anders als das wollten auch die Reformatoren. Und nichts anders wollen wir mit unserer Aktion „12 Apfelbäumchen für ein klares Wort“. Amen. Es gilt das gesprochene Wort! ∧ nach oben

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